BODY BUILDING – Auf dem Weg zum perfekten Selbst?

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Dreißig ist das neue Zwanzig, der D-Cup der neue C-Cup, die Körperbehaarung hat stark nachgelassen, die Wirbelsäule erleidet Bandscheibenschwund. Ist die letzte Konsequenz unserer körperlichen Entwicklung die Existenz als glatzköpfige, unsterbliche Kaulquappe? Oder passt sich unser Körper schleichend an seine Nutzung an, wie es die Designerin Marcia Nolte in ihrer Serie »Corpus 2.0« ironisiert? Das neue Forschungsfeld der Epigenetik stellt die Erbanlagen auf den Kopf, die Umwelt fordert Anpassung, das medial geprägte Schönheitsideal sowieso. Was passiert mit unserem Körper? 

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Milchfarbene Haut mit rosigen Akzenten auf den Wangen, fleischig pralle Formen, perfekt gebogene Augenbrauen im ansonsten blass konturierten Gesicht wie in Rubens’ Gemälde »Die drei Grazien« von 1638 bestimmten das Schönheitsideal. Der erstrebenswerte Körper war vielleicht sinnlich, sicher aber auch übergewichtig und unsportlich.

Heute impliziert Fettleibigkeit nicht mehr Wohlstand, sondern das Gegenteil: Faulheit, Dummheit, falsches Essen und Konsumverhalten. Auch Marilyn Monroe wäre mit ihrer Kleidergröße 42 heute wahrscheinlich kein Sexsymbol mehr. Medien halten an einem Ideal fest, das so unverschämt teuer wie extrem schlank ist und für die meisten unerreichbar bleibt. Denn die intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper setzt Geld, Zeit und Muße voraus, ist aufwändiger Luxus. Heute »soll eine Frau in der Mitte so dünn sein wie ein durchschnittliches Kleinkind von 4,5 Jahren, einen Hüftumfang von 13-jährigen Mädchen und eine Körperlänge von Männern haben«, behauptet Waltraud Posch in ihrem Buch »Projekt Körper«. Der Realität zum Trotz trifft das auf einige Topmodels zu. Für alle gilt: Wir werden immer größer und immer schwerer. Beschreibt das Festhalten am kaukasischen Schönheitsideal Rassismus im ästhetischen Sinne? Untersuchungen zeigen jedenfalls, dass wir global ein sehr einheitliches und vor allem durchschnittliches Schönheitsideal verfolgen. Zeigt man Bilder von digital entworfenen, aus vielen Fotos zusammengemorphten Gesichtern, die bestimmte Merkmale wie große Augen und symmetrische Proportionen aufweisen, sind die Reaktionen auf allen Kontinenten kulturkreisübergreifend gleichermaßen positiv. Abgesehen von Ländern, in denen ausladende Hüften ein Symbol für Wohlstand und Fruchtbarkeit sind, möchten sich die Menschen auch körperlich ähnlich sein. Der Mensch bleibt ein Herdentier.

Die subjektive Bewertung von Attraktivität spiegelt sich in der selektiven Wahrnehmung von Körpern, wie die Kulturwissenschaftlerin Diana Weis formuliert, das »hat was mit Elitenbildung zu tun.« Auf den Fashion Weeks finden wir geballt zurechtgemachte, schlanke Menschen im Gegensatz zum Ausflug an den Baggersee in der Provinz. Der Elitenbildung liegen Geschmacksnormen zu Grunde, eine ästhetische Bildung und Erziehung gehen voraus, und schon meint man, Stadtteile kategorisieren zu können. So pauschal geht das natürlich nicht, obwohl ein Botox-to-go-Studio in Berlin- Charlottenburg mit einer »Anti-Falten-Flatrate« auf sich aufmerksam macht. Die Lücke zwischen medial geprägten Idealen und der manipulierten Äußerlichkeit schließt die Medizin. In grotesker Verzerrung hält die hässliche Fratze der Schönheit vermehrt auf den roten Teppichen, nicht mehr nur in Hollywood und auf unseren Bildschirmen Einzug. Eher die Ausnahme bilden zum Glück Patienten, die wünschen auszusehen wie ihr Idol und 38 Operationen später als Doppelgänger von Pamela Andersen und Brad Pitt oder Barbie und Ken herumlaufen. Solche Menschen leiden unter krankhaftem Perfektionsdrang. Die paradoxe Krux der Chirurgie liegt eigentlich im »vermeintlichen Zerstören von körperlich Intaktem, um seelisch Neues, vermeintlich Besseres zu schaffen«, wie es Waltraud Posch formuliert. Die »Psychologie mit dem Skalpell« soll unzufriedenen Menschen helfen, aber nicht zu einem Selbstoptimierungswahn führen. Neben dem Druck unter sozialen Normen nach dem Motto: »Wer sich im Griff hat, hat auch seinen Körper im Griff«, kann das Projekt Körper auch eine Sinnbeschäftigung sein und Kontrolle suggerieren, sagt Posch. »Ich gestalte mich, also bin ich.« Trotzdem geht es nicht um Individualismus, sondern darum nicht aufzufallen. Es ist wie mit Mode, »sie individualisiert und universalisiert gleichzeitig, impliziert Zugehörigkeit und Abgrenzung, Normalisierung und Extravaganz«.

Wer darüber hinaus behauptet, etwas nur für sich selbst zu tun, macht sich etwas vor, schrieb Simone de Beauvoir schon 1949, »denn sogar der Narzissmus verlangt nach dem Blick des anderen.« Der kritischen Betrachtung des eigenen Körpers unter Gesichtspunkten wie Ideale, Mode und Alter kann sich kaum jemand entziehen. Genies mögen mit ihrem schönen Geist kontern, die Bohème sauvage mit der Haute Couture: Schulterpolster, Tulpenröcke und Bienenstockfrisuren spielen mit der körperlichen Silhouette. Auf die ironische Spitze treibt es die Kunst und gesellschaftliche Mechanismen lassen sich gut in der künstlichen Überzeichnung erkennen. Die Body-Art-Künstlerin Orlan ließ sich immer größere Implantate auf die Stirn setzen, der Performancekünstler Stelarc arbeitet mit der technischen Transformierung des Körpers, virtueller Realität und Robotik. Beide behandeln das Phänomen des Wunsches nach Veränderung, Verlängerung, Perfektion, Verfremdung und gesteigerter Anziehungskraft. Marcia Nolte illustriert mit ihrer Serie »Corpus 2.0« die evolutionäre Anpassung des Körpers an veränderte Umstände. Da keine überlebensnotwendigen Veränderungen mehr zu erwarten sind, passt sich der Körper dem Design an. Sie skizziert subtile Transformationen als Reaktionen des Körpers auf Technologie, modische Phänomene, Lebensgewohnheiten und Produkte, zum Beispiel den »High-Heel Foot«, das »Smoking Hole«, die »Mummy Nipples«.

Heißt das, dass wir schon nahezu das Endprodukt des evolutionär machbaren erreicht haben? Und dass der Mensch sich in Zukunft selbst zielgerichtet umkonstruiert? Diese Fragen stellt sich Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller, »da wird geklont und implantiert, genmanipuliert und gehirngedopt, ästhetisch operiert und cyborgisiert. Am Ende lockt die große Verheißung: Unsterblichkeit. Man muss sich in der überformten Umwelt heute primär sozial, nicht biologisch behaupten. Schnelligkeit und Sinnesschärfe werden durch Geisteskraft ersetzt, der Trend geht zum schwächeren Brillenträger.« An den biologischen und technischen Umbau des Menschen glaubt Steinmüller nicht mehr in diesem Jahrhundert, »dass sich langfristig infolge der Handy-Nutzung ein feinmotorisch perfektionierter Daddel-Daumen herausbilden würde, ist ein hübscher Mythos. Wahrscheinlicher scheint mir eine Zukunft, die sich vom Geburtenfatalismus verabschiedet hat und in der Eltern Designer-Kinder nach ihren individuellen Vorstellungen in die Welt setzen.« Vielleicht sind wir von einer solchen Zukunft gar nicht mehr so weit entfernt. Das neue Forschungsfeld der Epigenetik beschäftigt sich mit übergeordneten Ebenen der DNS. Bis vor kurzem wurde kategorisch ausgeschlossen, dass Erfahrungen Spuren in den Erbanlagen hinterlassen könnten, Ende letzten Jahres fand man dann am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München heraus, dass Stresserlebnisse und Traumata in jungen Jahren die Erbsubstanz beeinflussen können. Umgekehrt kann man mit einer Psychotherapie auch positiv entgegenwirken. Wissenschaftler sagen sogar, dass Meditation die Architektur unseres Gehirns positiv verändert. Unsere Gene sind also nicht länger unser Schicksal, die Art und Weise ihrer Arbeit lässt sich modellieren, ihre Funktion biochemisch beeinflussen. Äußerliche Einflüsse, unser Lebensstil und unsere biologische Natur wirken im Zusammenspiel auf unser genetisches Erbgut. So können zum Beispiel körperliche Aktivität, Ernährung und unser soziales Umfeld Einfluss auf die Aktivität unserer Gene haben. »Meine Mutter war auch schon dick« gilt nicht mehr! Gezielte Veränderungen können wir aber noch nicht vornehmen, betont Karl Sperling, Leiter des Instituts für Humangenetik an der Berliner Charité. Aber Enhancement, eine Verbesserung unserer Konstitution, sei möglich. In der Schönheitschirurgie geht man mehrheitlich davon aus, dass die Chirurgie immer weniger invasiv sein wird und irgendwann Gene manipuliert werden können, die zum Beispiel für das Wachstum der Nase oder das Altern verantwortlich sind. Zählt man die Erkenntnisse und Ideen zu unserer körperlichen Zukunft zusammen, bleibt ein zwiespältiger Optimismus. Der stärker werdende Wunsch nach einer natürlicheren Lebensweise und schonend mit der Umwelt umzugehen wird sich positiv auswirken. Dem gegenüber steht die Befürchtung einer schleichenden Katastrophe durch Hormone und hormonähnliche Substanzen in unserer Umwelt. Mediziner beobachten ein gesteigertes Brustwachstum bei beiden Geschlechtern, der empirischen Attraktivitätsforschung zufolge entwickelt sich das Schönheitsideal in Richtung eines geschlechterneutralisierenden Blickwinkels, einer Androgynität, die auch in der Mode zu beobachten ist. Am Ende ist es nicht die Perfektion, die schön ist und anziehend wirkt, sicher aber auch nicht der geschlechtslose Zwilling, oder?

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Body Building–on the Way to our perfect Self 

Thirty is the new twenty, a D-cup is the new C-cup, body hair has all but disappeared, our spines are suffering from damage to the intervertebral discs. Is the final result of our physical evolution an existence as bald, immortal tadpoles? Or are our bodies slowly adapting to their daily tasks, as the designer Marcia Nolte ironizes in her series »Corpus 2.0«? A new field of research, Epigenetics, is turning our genetic heredity upside down. The environment demands adaptation and of course the media-influenced ideals of beauty do too. So what is happening to our bodies? 

Milky skin with rosy accents on the cheeks, fleshy plump figures, perfectly curved eyebrows in otherwise pale, contourless faces, as seen in Rubens’ painting »The Three Graces« from 1638 define the ideal of beauty. The desirable body was perhaps sensual, but certainly also overweight and unfit. Nowadays obesity no longer symbolises wealth but rather the opposite: sloth, stupidity, poor diet and consumer addiction. Even Marilyn Monroe with her size 42 probably would not be a sex symbol today. The media hold on to an ideal that is as outrageously expensive as it is thin, and remains, for most of us, unattainable.

The intensive preoccupation with one’s own body, along with the prerequisite of money, time and leisure, is a timeconsuming luxury. These days »a woman should have the waist of an average four-year-old child, the hip measurements of a 13-year-old girl and the height of an average male,« claims Waltraud Posch in her book »Projekt Körper« (Project Body). Despite the reality, that is only the case for a few top models while the rest of us are getting taller and heavier. Is this adherence to the Caucasian ideal of beauty a form of aesthetic racism? Studies have certainly shown that we all follow a very homogenous and average ideal of beauty on a global level. When shown images of digitally re-mastered composite faces with certain characteristics like large eyes and symmetrical proportions, reactions are similarly positive, irrespective of continent and cultural context. Other than in countries where wide hips are a symbol of wealth and fertility, people want to look similar to one another. The human is still essentially a gregarious animal.

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The subjective evaluation of attractiveness mirrors itself in the selective perception of bodies, as cultural scientist Diana Weis formulates, »It has something to do with the formation of elites.« At the fashion weeks we find a concentrated mass of made-up thin people, in stark contrast to the people you see on a daytrip to the local lake in the countryside. The elite formation creates the foundation of taste norms, a little aesthetic training and upbringing and one quickly has the notion of being able to categorize whole city districts. It is, of course, not quite that simple, although a botox-to-go studio in Berlin’s Charlottenburg district attracts attention with its »antiwrinkle flat rate.« The dissonance between media-groomed ideals and manipulated outer appearance is resolved by the medical world. In a grotesque distortion the ugly mug of beauty is increasingly seen on the red carpets, and not only in Hollywood or on our TV screens. Luckily they are in a minority, the patients who want to look like their idols and, 38 operations later, walk around as Pamela Anderson, Brad Pitt or Ken and Barbie look-alikes. These people suffer from a pathological addiction to perfection. The paradox crux of surgery lies in the »perceived destruction of an intact body, in order to create a psychologically perceived improvement,« as formulated by Waltraud Posch. The practice of »scalpel psychology« is supposed to help dissatisfied people, but not lead to a self-optimization mania. In addition to the pressure of social norms along the lines of: »If you’ve got yourself under control, you also have your body under control,« the project of one’s own body can also give a purpose to one’s life and suggests a form of control, says Posch. »I design myself, therefore I am.«

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The same goes for fashion, »simultaneously it bestows a universality and an individualization, implies group-membership and distinction, normalization and extravagance.« Those who go on to assert that they are only doing it for their own benefit are simply kidding themselves, wrote Simone de Beauvoir as early as 1949 »because even narcissism demands an audience.« The critical appraisal of one’s own body, in terms of aspects such as ideals, fashion and age, is inescapable. Geniuses may counter with their beautiful minds, the bohème sauvage with their haute couture: shoulder pads, tulip skirts and beehive hairstyles all experiment with the physical silhouette. Art takes things to an ironic extreme and social constructs are easy to spot due to their artificial exaggeration.

The body art artist Orlan mounts increasingly large implants on her forehead, the performance artist Stelarc works with the technical transformation of the body, virtual reality and robotics. Both deal with the phenomenon of the body, the desire for transformation, prolongation, perfection, alienation and enhanced attractiveness. In her series »Corpus 2.0« Marcia Nolte illustrates the evolutionary adaptation of the body to changing circumstances. As adaptation for survival is no longer required, the body adapts to design. She describes subtle transformations as a reaction of the body to technology, fashion phenomena, lifestyle habits and products, for example the »High-Heel Foot,« the »Smoking Hole,« and the »Mummy Nipples.« Does that mean that we have already nearly reached the ultimate goal of what is possible within the realms of evolution? And that man will purposefully reconstruct himself in the future? These are the questions futurologist Karlheinz Steinmüller is asking himself. »We are being cloned, implanted, genetically modified and doped, aesthetically operated and cyborgized. And at the end of all this lies the glorious prize: eternal life. In this over-modified environment it is paramount to assert oneself socially rather than biologically. Speed and quick senses are being supplanted by brain power, the trend is in favor of the puny spectacle-wearer.« But Steinmüller does not subscribe to the idea of a biological and technical adaptation of the human within this century: »The idea that through long-term use of mobile phones, perfectly tuned motor skills will be apparent in new super thumbs is a pretty urban myth. More likely is a future which has emancipated itself from birth fatalism and where parents conceive designer children customized to their individual wishes.« Perhaps this reality is not as far-fetched as one would think. Epigenetics concerns itself with overriding DNA strands. Whereas until recently it was categorically dismissed that experience could leave traces in our hereditary DNA, last year at the Max Planck Institute for Psychiatry in Munich it was discovered that stress and trauma during the developmental years could influence the genetic substance. In reverse, one can also positively change one’s DNA substance with the help of psychotherapy. Scientists even say that meditation changes the architecture of our brains in a positive way.

Our genes are therefore no longer our fate: the way we work with our brains can allow us to remodel, and influence our biochemistry. Exterior influences, our lifestyle and our biological nature work in combination to influence our genetic makeup. Physical activity, diet and our social environment all influence the activity of our genes. »My mother was fat too« simply does not count any more! But we are not in a position to make specific changes yet, emphasizes Karl Sperling, head of the Institute for Human Genetics at Berlin’s Charité. But enhancement, a general improvement in our constitution, is possible. In cosmetic surgery there is general consensus that surgery will become a lot less invasive and that a point will come when our genes can be manipulated, for example those responsible for the growth of our noses or for aging. Taking an overall look at the insights and ideas gained about our physical future, a conflicting optimism ensues. The increasing desire for a natural lifestyle and sustainable way of dealing with the environment will have positive effects. But on the flip side stands the fear of an insidious catastrophe through hormones and hormoneidentical substances in our environment. Medical experts are seeing an increasing breast growth in both sexes; according to empirical research on attractiveness the ideal of beauty is moving toward gender-neutrality: an androgyny that is also present in the world of fashion. At the end of the day it certainly is not optimum perfection that is desirable and attractive, but it probably is not the idea of our sexless twin either, is it?