American Beauty – Neue Produkte aus den USA

Cremes und Seren, Supplements und Treatments, Unterspritzungen und Liftings versprechen straffere Gesichtszüge und jugendliche Schönheit. Manches wirkt von innen, von außen, kurz- oder langfristig – und einiges ist den Hype nicht wert. Ein Blick in die USA verrät, was es bald auch bei uns Neues zu erwarten gibt und zeigt ein paar deutliche Trends auf: All-in-one Produkte, vegan Beauty, Nahrungsergänzungsmittel nach Maß, zweifelhafte Drip Bars und Ambassadors werden jetzt zu Creatern. 

Titelbild des Films „American Beauty“ und zugleich eine von Hauptfigur Lesters Fantasien zeigt die Freundin seiner Tochter, lasziv auf Rosen gebettet. Geht es in dem Sozialdrama von 1999 noch um den verheißungsvollen Jungbrunnen in Gestalt eines frühreifen Highschool-Teenagers (gespielt von Mena Suvari), die den deprimierten Familienvater (Kevin Spacey) aus der Midlife Crisis katapultieren soll, ist jugendliche Schönheit heute längst keine Frage des tatsächlichen Alters mehr – sondern eher eine der Bereitschaft zu Experimenten und des Geldbeutels.

Vitalpilze, Adaptogene, Superfoods und Supplements: Sich der positiven Eigenschaften von konzentrierten Pflanzen, Vitaminen oder sogar Kaffee aus Pilzen zu besinnen ist eigentlich ein alter Hut, erlebt aber aktuell eine absolute Renaissance. Kein Wunder, werden herkömmliche Nahrungsmittel und sogar Medikamente immer kritischer hinterfragt: Ist unsere Erde heute noch nährstoffreich genug um den Bedarf mit Obst und Gemüse zu decken? Ist Kaffee ein ballaststoffreicher Wachmacher oder schlecht für Herz und Cortisol-Level? Sehr individuell, wie auch die personalisierten Nahrungsergänzungsmittel der Marke Care/Of: Mit Hilfe eines fünfminütigen Online-Fragebogens wird ermittelt, was einem wohlmöglich an Nährstoffen fehlt. Erhoben werden Daten wie Geschlecht und Alter, mentale Verfassung, ob man sich abgeschlagen fühlt, abnehmen möchte oder vielleicht einen Kinderwunsch hegt. Entsprechend werden einem maßgeschneiderte und hochwertige Mikronährstoffe wie Omega-3, Magnesium oder Kollagen in Kapseln und Pulvern, verpackt in einzelnen Sachets zur täglichen Einnahme geschickt. Der Markt boomt, zum einen da konventionelle Arztbesuche und Medikation in den USA sehr teuer sind, zum anderen sind Longevity und Selbstoptimierung ohnehin die Schlagwörter der Stunde. Neben Nahrungsergänzungsmitteln sind deshalb auch sogenannte Adaptogene, pflanzliche Wirkstoffe und Heilpilze, sehr angesagt. Was zum Beispiel den Kaffee angeht, setzen immer mehr AmerikanerInnen auf Shroom oder MUD/WTR, gesunde Alternativen aus funktionellen Vitalpilzen wie Lion’s Mane, Chaga oder Reishi, die reich an bioaktiven Stoffen sind und wahlweise die Leistungsfähigkeit steigern, den Stoffwechsel pushen oder ausgleichend wirken sollen – und deutlich weniger Koffein beinhalten. Zu den neuen Superfoods hier in den USA gehört auch Seamoss, das gleich eine ganze Liste zum Abhaken von Vitaminen, Antioxidantien und Mineralien, wie Jod, Kalium und Magnesium enthält, die das Immunsystem stärken, die Schilddrüse unterstützen, das Mikrobiom fördern sowie Haut und Haare pflegen sollen; in der kalifornischen Luxus-Supermarktkette Erewhon bereits als Gummibärchen für 36 oder als Marmelade für 44 US-Dollar erhältlich. Hier findet man auch die passenden Elektrolyt-Drinks und Beauty-Smoothies, falls noch weitere Bedürfnisse offen sind. Überhaupt sind amerikanische Supermärkte voll mit Supplements, Pillen und Pülverchen. Die Menschen hier scheinen sich beim geringsten Zimperlein zunächst zu fragen: Was kann ich dagegen einnehmen? Statt: Was kann ich tun?

Noch einen Schritt weiter in diese Richtung gehen sogenannte Drip Bars, ein Wellnesstrend aus den USA, der jüngst den Sprung von Hollywood nach Europa schaffte: In stylischen Salons werden Nährstoffe und Vitamine, Aminosäuren und Elektrolyte bei Befindlichkeiten wie allgemeiner Schlappheit, einem fiesen Kater oder einfach um das Immunsystem zu stärken als Infusionen direkt in die Blutbahn injiziert. Ärzte warnen allerdings vor Komplikationen aufgrund mangelhaft geschultem Personal und zweifeln darüber hinaus den Nutzen der intravenösen Behandlung an. Es gäbe bislang keine ausreichende Studienlage darüber, ob die Nährstoffe im Körper ankommen, wo sie gebraucht werden und das ganze überhaupt eine Wirkung hat. Im Zweifelsfall also ein teurer aber nutzloser, vielleicht sogar gefährlicher Spaß. 

Apropos Hollywood: Rihanna, Scarlett Johansson, Brad Pitt (Beau Domaine), Dwayne Johnson (Papatui) – früher oder später scheint jede prominente amerikanische Person nicht nur Wein vom eigenen Gut zu vermarkten, sondern auch eine eigene Beauty-Linie zu besitzen. Neu ist natürlich nicht, dass Prominente für Kosmetik als Markenbotschafter werben – aber dass sie sie nun mitentwickeln. Vorreiterin war Gwyneth Paltrow, die ihr Unternehmen Goop bereits vor über 15 Jahren gründete, anfänglich mit Beauty- und Lifestyle-Tipps als Newsletter, und daraus ein Multimillionen-Dollar-Imperium machte. Inzwischen umfasst Goop dank zahlreicher Kooperationen nicht nur Kosmetik sondern Lebensmittel, Möbel, Mode und mehr. Doch landete die Marke insbesondere mit ihren Kosmetikprodukten immer wieder wegen falscher Versprechungen in der Kritik. Sehr erfolgreich auf dekorative Kosmetik setzen derweil Rihanna (Fenty Beauty) und Hailey Bieber (Rhode), während sich Naomi Watts bei ihrer Pflegelinie Stripes Beauty auf die Menopausennische und Scarlett Johansson mit The Outset auf Hautprobleme fokussiert. Kaum etwas davon ist bereits in Deutschland erhältlich und deshalb natürlich heiß begehrt, was regelmäßig zu sogenannten Beauty-Hauls führt, bei denen Influencer die Produkte von ihren US-Reisen mitbringen und viral promoten. 

Ein auffälliges Schlagwort im Zusammenhang mit Kosmetikprodukten in den USA ist plötzlich „vegan“ und lässt unweigerlich die Frage aufkommen, was in nicht-veganer Kosmetik denn tierischen Ursprungs ist? Einiges. Von Bienenwachs in Lippenstiften über Lanolin (Wollfett) und Honig in Pflegeprodukten bis zu Kollagen (von Rind oder Schwein), Kreatin (oft aus tierischen Haaren, Federn und Hörnern) in Seren und Seidenproteinen in Shampoos beinhaltet herkömmliche Kosmetik unter Umständen eine ganze Reihe an tierischen Erzeugnissen, bei denen man überlegen sollte, ob man sie persönlich für notwendig hält. Vegan heißt aber leider nicht automatisch tierversuchsfrei – dafür steht symbolisch der kleine aufgedruckte Haase, auf den man bei der Verpackung achten kann. Eine neue, vegane und „cruelty free“ Nagellack-Marke kommt aus New York und sieht vielversprechend aus: SSONE hält immer die schönsten saisonalen Farben bereit. Und ganz ehrlich, Gel-Nägel mögen vegan sein, sind aber mit Sicherheit die größte Umweltbelastung.

Die dermatologische Kosmetikmarke Cera Ve aus den USA gibt es inzwischen auch auf dem deutschen Markt, ebenso die clean-Beauty-Produkte der kalifornischen Marke Ilia. Sie setzen auf ein sauberes Image und multifunktionale Produkte, wie getönte Seren und Cremes mit Lichtschutzfaktor. Die vermeintlich Zeit- und Geld-sparende Liaison von Make-up, Pflege und UV-Schutz funktioniert mal besser und mal schlechter: Während das sehr ölige Serum von Ilia nur vorsichtig auf die Haut gedrückt werden darf, da es sonst bröckelt, kommt der getönte mineralische Schutz von Cera Ve wie eine fettige Paste daher. Besser in der Handhabung und im Ergebnis sind die getönten Produkte des UV-Spezialisten Supergoop mit chemischem Filter, die es inzwischen in mehr als 20 Nuancen gibt. Dazu hat man die Wahl zwischen Glanzpartikeln für besonderen Glow oder einem matten Finish. In der Kritik sind inzwischen leider beide Varianten des Sonnenschutzes, auch die mineralischen Filter enthalten angeblich Nanopartikel, die es durch die Hautbarriere in den Körper schaffen. Hier muss man sich für ein Übel entscheiden, definitiv aber nicht gegen Sonnencreme per se – das ist schließlich nicht nur die sicherste Methode gegen Hautalterung, sondern auch der unvermeidbare Schutz gegen Hautkrebs. 

Mehr gehypte Beauty-Produkte aus den USA, die wir getestet haben und mögen: Haarpflege von Ouai: hält was sie verspricht ohne die Haare zu beschweren und riecht einfach umwerfend. Deodorants von Salt and Stone kommen ohne Aluminium aus und duften dezent nach Orangenblüte, Hinoki und Eukalyptus. Glossier bleibt ein bezahlbarer Dauerbrenner, tolle Produkte zu fairen Preisen, egal ob der Lippenbalm im neuen Ton „Espresso“, der ikonische Boy Brow für die Augenbrauen oder die grüne Cleansing Maske. Jones Road heißt das relativ neue Baby von Make-up-Artistin Bobby Brown und bietet „no make-up make-up“ Produkte in tollsten Farben und coolstem Packaging. Die Pflegeprodukte von Osea kommen aus Malibu und werben mit Wirkstoffen aus dem Meer – leider setzt die ansonsten überzeugende Marke noch auf den Begriff „Anti-Aging“, wo andere bereits zum positiver konnotierten Pro-Aging übergegangen sind. Bei der Aussicht auf die oben genannten Beautytrends werden wir doch nur noch auf dem Papier alt, oder?