Wearable Technology

Technik zum Anziehen: Das schien in der Vergangenheit unvereinbar mit Mode und auf Avantgarde gebürstetem Design. Assoziationen von peinlichen Showeffekten und Angebern beim Freisprechtelefonieren bis hin zu sandfarbenen Multifunktionswesten reisender Senioren drängten sich auf. Doch bei Minusgraden steht man schließlich selbst vor der Aufgabe, sein Mobiltelefon mit klammen Fingern in groben Handschuhen aus einer klitzekleinen Jackentasche zu nesteln. Auf einer Skipiste oder mit Snowboard unterm Arm eine Problemstellung im higher level. Und immer noch ein Thema in der Textilindustrie, wie Christian Stammel, Initiator der weltweit führenden Plattform für Wearable Technologies (WT), sagt: „Eine Problematik besteht nach wie vor darin, das Handy angenehm zu integrieren – ohne nerdige Gürteltasche. Die kann man heute ja niemandem mehr zumuten.“ 

Zwischen Banalitäten wie der integrierten Handytasche und High-End-Produkten wie einer GPS-Jacke liegen Welten. Doch durch die kleinen Features erziehen die Hersteller den Konsumenten frühzeitig dazu, seine Technik immer bei sich zu tragen – und irgendwann ist er dann bereit für die High-Tech-Variante, etwa die Sportbrille von Oakley mit integriertem MP3-Player. Wearable Technology ist ein stetig wachsendes Segment, insbesondere auf dem Markt der Sportswear. Sie umfasst Lösungen in den Bereichen Material, Sensorik, Kommunikation und Entertainment. Im Blick haben die Entwickler einerseits technische Accessoires, die am Körper getragen werden können: Mobiltelefone, MP3-Player oder Pulsmesser. Auf der anderen Seite geht es auch um integrierte Technologien, zum Beispiel Solarzellen als Applikationen auf der Kleidung oder sogenannte „smart textiles“: Fasern, die Strom leiten, Sensorik aufnehmen oder den Körper schützen. 

Eine Innovation im Bereich der Materialien ist die Nutzung von Nanotechnologie. Das elastische D3O-Gewebe verhärtet sich bei einem Schlag, die Mütze wird beim Sturz zum Helm. Sicherheit spiele insgesamt eine wachsende Rolle, sagt der Experte Christian Stammel. Es komme nicht mehr nur darauf an, über die im Helm oder Handschuh integrierte Bluetooth-Freisprecheinrichtung Smalltalk zu halten, integrierte GPS-Systeme machen die Ortung in einem Notfall möglich. Komplexe Lösungen wie der Handschuh von Swany mit Touchpad oder die Jacke von Zegna Sport mit Solarmodulen, die Handys und MP3-Player laden, sind aus technologischer Sicht Spitzen der integrierten Sportswear. Der italienische Designer Ermenegildo Zegna zeigt mit seiner Kollektion auch, dass High-Tech Mode schick ist: Die Jacke kommt gut an in Italien und den USA. „Einigen Technologien lässt sich einfacher ein Designfaktor abgewinnen“, findet Stammel, „eine Solarzelle kann heute auch ein Designmerkmal sein. Technik hat nur dann eine Chance am Markt akzeptiert zu werden, wenn sie formschön ist.“ Effiziente Solarzellen gibt es mittlerweile schon in Briefmarkengröße und einfarbig dunkelblau. 

Immer mehr Möglichkeiten bietet Wearable Technology auch im Bereich Sensorik, zum Beispiel simultanes Aktivitätsmonitoring. Kleine Sensoren messen nicht mehr nur den Kalorienverbrauch und den Puls, sondern auch den Laufstil oder mit wie viel G-Force man durch eine Half-Pipe fährt. So lässt sich das individuelle Fitnessprogramm maßschneidern, genauso wie der perfekte Laufschuh. Stammel geht davon aus, dass fast jedes Handy bis 2011 mit einem geeigneten Bluetooth-Chip ausgestattet sein wird und die Informationen der autarken Feinsensorik lesen kann. 

Ein ästhetisches Problem ist nach wie vor die Integration von Batterien. Die Mikroelektronik ist klein genug und kann sehr leicht in Textilien eingearbeitet werden. Ein Motion-Sensor, der 3D-Bewegungen messen kann, ist kleiner als ein Fingernagel. Das Problem ist die Stromversorgung. „Besonders, wenn man Kleidungsstücke beheizen will, braucht man sehr große Akkus“, sagt Stammel, „da reicht Solarenergie leider noch nicht aus.“ Doch die Effizienz der Solarzellen wird weiter optimiert, ebenso wie die Übertragungstechnologie. Denkbar wären Solarzellen, die auf die verschiedenen Materialien aufgedruckt werden können. Aber damit ist erst innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre zu rechnen.

Eine Alternative ist „Self-Harvesting“, die Versorgung mit organischer Energie aus der eigenen Bewegung oder Temperatur, so wie man sich einen Hamster im Laufrad vorstellt, dessen Bewegung in Strom umgewandelt und eine Glühbirne zum Leuchten bringt. Es gebe derzeit kaum ein Forschungsinstitut, dass nicht am „Self-Harvesting“ arbeite, sagt Stammel. Bis die Technik soweit ist, vertritt er die Philosophie, nicht zu viel Elektronik in die Bekleidung zu integrieren, sondern eher die logische Anordnung von Accessoires an der Kleidung zu optimieren. „Man muss keine technologisch voll ausgerüstete Jacke kaufen, sondern kann die Jacke mit Technologie „enablen“. So kann die Jacke nicht veralten, nur weil die Technik überholt ist.“ Also vorerst vielleicht doch in eine Jacke mit einer praktischen Handytasche investieren?

Photo: Sølve Sundsbø for Iris van Herpen — Hypersonic Speed Top, ‘Capriole’ collection, 2018. Iris van Herpen private collection

ISPO Magazin