Green Music – Nachhaltigkeit in der Musikindustrie

KünstlerFestivals, Streaming – eine komplette Industrie krempelt sich um, um endlich „grüner“ zu werden. Bislang passten Musik – so politisch korrekt sie auch sein mochte – und Umwelt nämlich nicht unbedingt zusammen. Zu viel CO2 stösst die Branche mit ihren Tonträgern, Downloads und Konzerten aus. Wie hört man heute also nachhaltig Musik und wer macht sich besonders stark im Kampf gegen den Klimawandel? 

Versucht man Musik und Umwelt zusammen zu bringen, türmen sich vor dem geistigen Auge ganze Müllberge von Tonträgern wie Kassetten, Platten und Co. auf. Allein die Herstellung und der Vertrieb physischer Formate ist bereits wahnsinnig umweltschädlich. Als es im Jahr 2000 – zur Hochphase der CD – schließlich alles gab, sowohl jegliche Tonträger und Abspielgeräte als auch digitale Musik, sorgte die Branche nicht nur für Tonnen an Plastikmüll und einen enormen Verbrauch an Erdöl, sondern allein in den USA für einen Spitzenwert von rund 157 Millionen Kilo Treibhausgasen, wie in einer Studie der Universität Glasgow ermittelte. 

Das Überraschende an der Studie aber sind die Zahlen von heute. Intuitiv könnte man meinen, dass dank der Streaming-Dienste an Abfall gespart wird. Das ist auch so. Die Treibhausgasemission hat sich dennoch rund verdoppelt. Schuld daran ist der sogenannte „digitale Abfall“. Auf der Verbraucherseite muss der Akku des Smartphones häufiger aufgeladen werden, auf der Anbieterseite wiederum benötigen die riesigen Server der Streaming-Anbieter eine massive Stromversorgung für ihren Betrieb, Kühlsysteme und die Aufrechterhaltung der Internetverbindung. Also erst einmal nichts gewonnen? Langfristig, da sind sich Musikindustrie und Umweltforscher einig, ist Streaming dennoch der bessere Weg, weg vom Plastik. Würden die gestreamten Songs zudem heruntergeladen werden, wie bei einem Premium Account zum Beispiel, würde das die Emissionen um ca. 80 Prozent senken, wie das Musikmagazin Rolling Stone aus dem Spotify Sustainability Report 2022 las – und zudem die Akkuleistung schonen. 

Sind Produktion und Verkauf von CDs heute zum Glück stark zurückgegangen, erlebt die Plattenindustrie seit rund zehn Jahren wieder einen Aufschwung: analog ist angesagt, Vinyl ist hip und dekorativer als Plastik. Wer sich nun fragt, ob er sich etwas downloaden oder eine LP kaufen soll, kann sich die einfache Frage stellen, wie oft er sich die Platte vermutlich anhören wird. Erst wenn man ein komplettes Album 27 Mal laufen lässt, lohnt sich der physische Tonträger. Auf diesen verzichten inzwischen aber viele Musiker von vorneherein. Die neuseeländische Künstlerin Lorde beschäftigt sich nicht nur in den Songtexten auf ihrem aktuellen Album „Solar Power“ mit dem Klimawandel. Aus Umweltschutzgründen brachte auch sie ihr letztes Album ohne Tonträger raus. Stattdessen enthielt die plastikfreie Ökobox einen Download-Code und viel Text- und Fotomaterial. 

Auch Konzerte und Festivals sind sehr umweltschädlich, wie man sich ausmalen kann: Der ganze Müll aus Einweggeschirr und Plastikbechern, der Stromverbrauch auf der Bühne, die Anfahrt für Musiker und Gäste, die Pyro-Shows und Konfettibomben. Angeblich ist der CO2-Fußabdruck eines viertägiges Musikfestivals vergleichbar mit dem einer Kleinstadt – im ganzen Jahr. Den größten Anteil, und zwar 90 Prozent an der Gesamtemission, machen die Besucher aus, beziehungsweise ihre Anreise im PKW. Um das zu verbessern, können Konzertveranstalter zum Beispiel auf eine ausreichende Infrastruktur achten, die das Anreisen mit eigenen Verkehrsmitteln überflüssig macht. Außerdem kann man Mehrweggeschirr, recyclingfähige oder kompostierbare Materialien nutzen, Ökostrom und einen Zeltverleih organisieren. Gesetzmäßig regnet es schließlich auf Festivals und die Quartiere werden häufig einfach im Schlamm zurückgelassen. 

Solche Tipps aber auch konkrete Lösungen halten Organisationen wie in Deutschland zum Beispiel Green Touring NetworkThe Changency oder die Green Music Initiative bereit. Grundsätzlich kann sich jeder Künstler oder auch jedes kulturelle Unternehmen an so eine Agentur für Nachhaltigkeit wenden, um die eigenen Optionen auszuloten aber auch den gesetzlichen Anforderungen künftig gerecht zu werden. Was dann auf den ersten Blick aussehen mag wie eine Zusatzbelastung, kann Prozesse am Ende sogar verschlanken und Geld einsparen, betonen die Macherinnen von The Changency, die jüngst erfolgreich ein Nachhaltigkeitskonzept für die deutsche Hip-Hop-Band Seeed entwarfen. 

Am Anfang steht immer eine klassische Bestandsaufnahme. Wie viel CO2 verbraucht man persönlich, als Musiker, als Unternehmen, auf Tour? Das kann man inzwischen einfach online ausrechnen lassen. Als die britische Band Radioheadbereits 2007 eine umfassende CO2-Messung ihrer Touraktivitäten beauftragte und anschließend auf ihre „Carbon Neutral World Tour“ ging, wurde sie für viele andere Bands zum Vorbild und inspirierte Musiker auf der ganzen Welt dazu, die herkömmlichen Konzertstrukturen zu hinterfragen. Frontmann Thom Yorke machte klar, dass er nicht auf Live-Auftritte verzichten könne, den Kohlendioxidausstoß aber auch nicht länger hinnehmen wolle. Die Band zog die Konsequenzen: Das Tourequipment kam per Schiff von England in die USA, der Tourbus lief mit Biokraftstoff und das Publikum wurde angehalten, Fahrgemeinschaften zu bilden und öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Eine komplett klimaneutrale Welttournee zu organisieren, kostete Coldplay während der Pandemie ein ganzes Jahr Planung. Um die Kohlenstoffbelastung so gering wie möglich zu halten, setzte die britische Band auf Recyclingmaterialien, Solarenergie und eine weitere, völlig neue Ressource: Die Bewegung der Konzertbesucher wurde mit Hilfe eines kinetischen Stadionbodens in Energie umgewandelt. Außerdem ließ die Band pro Konzertbesucher einen Baum pflanzen. Eine andere gute Idee hatte das deutsche Indie-Pop-Duo Klan. Die beiden Brüder sind nicht nur kreativ in ihren sozialkritischen Songtexten, sondern auch im Klimaschutz: Auf Tour teilen sie ihre Reisebusse mit anderen, verzichten auf Fleisch und Süsses beim Catering und benutzen für ihre Merchandise-Produkte neuerdings Second-Hand-Shirts. 

Schaut man sich die Ebenen an, auf denen man in der Musikbranche nachhaltig agieren kann, kristallisieren sich drei heraus: Die ökologische Ebene meint die Produktion und Distribution von Tonträgern, das Ausmaß von Events und Touren. Auf sozialer Ebene befinden sich die unternehmerischen Strukturen, Diversität und Gendergerechtigkeit im Team, Wertschätzung und faire Bezahlung der Mitarbeiter zum Beispiel – eine Ebene, die wenig transparent ist und bisher kaum beleuchtet wird. Die kommunikative Ebene dagegen ist die zugänglichste, sie spiegelt die Haltung der Künstler, ihre Aussagen, ihre Message, die Thematik in ihren Werken und ihre Außenwirkung und Vorbildfunktion. 

Photo: Kelia Anne MacCluskey

Die amerikanische Sängerin Billie Eilish tourt zum Beispiel nie ohne ihr Eco Village: hier werden Besucher auf dem Konzertgelände für den Klimaschutz sensibilisiert und darüber informiert, wie sie einen nachhaltigeren Lebensstil pflegen können. Außerdem unterstützt sie nicht nur die Fridays for Future Bewegung und Greenpeace, sondern setzt sich besonders für den Tierschutz ein und wird nicht müde, ihre Fans über ihre sozialen Kanäle über Missstände aufzuklären. So macht sie sich auch persönlich und inhaltlich für die Umwelt stark. 

Aber nicht nur aktuell oder seit Fridays for Future findet Nachhaltigkeit auch als Thema in Songs statt, von Joni Mitchells„Big Yellow Taxi“ (1970) über Michael Jacksons „Earth Song“ (1995) bis zum deutschen Rapper Sido und seinen „Pyramiden“ (2019) machen Künstler aus der Folk-, Pop-, Rock-, Rap- und Hip-Hop-Szene seit Jahrzehnten auf Umweltprobleme aufmerksam. So widmete die kanadische Sängerin Grimes ihr ganzes letztes Album „Miss Anthroposcene“ der „Göttin des Klimawandels“. Die futuristische Künstlerin mit den bunten Haaren und Kostümen kommt opulent daher, versucht aber tatsächlich ihren ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten, ernährt sich vegan und tourt nur mit geringstem Equipment.

Für den hawaiianischen Singer-Songwriter Jack Johnson stand die Schönheit und der Erhalt der Natur schon immer im Zentrum seiner Musik. Er tourt klimaneutral mit Bio-Diesel und ausschließlich auffüllbaren Wasserflaschen, auch für sein Publikum. Um auf das Plastikproblem in den Meeren aufmerksam zu machen, segelte er selbst über den Nordatlantik und legte sich für sein Video zu „You Can’t Control It“ bildgewaltig in ein Mosaik aus angespültem Plastik aus dem Nordpazifikwirbel an der hawaiianischen Küste. Mit seinem Aktionsnetzwerk All At Once verbindet er Fans mit gemeinnützigen Organisationen. Gemeinsam mit seiner Frau Kim gründete er sogar eine Foundation zur Förderung der Umwelt-, Kunst- und Musikerziehung.

Wer engagiert sich noch, und wie? Neil Young ist zum Beispiel seit Jahren aktiv im Umweltschutz und für soziale Gerechtigkeit unterwegs. Der kanadisch-amerikanische Singer-Songwriter setzt auf Öko-Diesel, wirbt auf seiner Homepage für ein gesundes und informiertes Leben und dreht aufklärerische Filme. Wenn mal etwas nicht klappt, was sich der Rockstar in den Kopf gesetzt hat, wie zum Beispiel für eine anstehende Tournee komplett auf Elektroautos umzusteigen, lässt er sich nicht unterkriegen, sondern etwas neues einfallen. Die Toten Hosen engagieren sich bereits seit den 1990er-Jahren gegen Atomkraft und Castortransporte. Green Day machen ihrem Namen alle Ehre, sind politisch aktiv, werben für saubere Energie und grüneren Verkehr. Björk setzt sich gegen den Ausverkauf von Naturressourcen in ihrer Heimat Island ein. Und auch The Roots, Justin Timberlake, Pearl Jam, Nelly Furtado, Die Fantastischen Vier, Andreas Bourani und viele weitere Musiker machen sich stark für Umweltschutz und Klima.

Unübertroffen in ihrem sozialen Engagement scheint U2 zu sein. Die irische Band, insbesondere ihr Frontmann Bono, geht in allen Disziplinen menschlichen, politischen und umweltpolitischen Aktivismus’ voran und ist quasi omnipräsent. Neben seinem Einsatz gegen die Hungersnot in Afrika und für die Aids-Hilfe, engagiert sich der Leadsänger bei der Wildlife Conservation Society, Amnesty International, Greenpeace und in zahlreichen weiteren Organisationen. Er treibt sich eigentlich überall herum, wo weltpolitisch diskutiert wird. Und erntet deshalb nicht nur Lob, sondern auch Kritik, wie viele andere Prominente auch, die sich dem Vorwurf des Greenwashings stellen und beweisen müssen, dass sie sich nicht nur schmücken wollen, mit ihrem Einsatz für eine bessere Welt.

Wertvoll ist der Einfluss von Musikern so oder so. „Wenn Billie Eilish sagt, warum sie sich vegan ernährt, hat das nun mal einen viel grösseren Impact, als wenn das Umweltbundesamt neue Maßnahmen zum Klimaschutz präsentiert.“ sagen Katrin Wipper und Sarah Lüngen von The Changency im Interview mit dem Musikmagazin Starzone. Ihrer Vorbildfunktion und Verantwortung sollten sich Musiker aber stets bewusst sein, ohne sie auszunutzen oder überzustrapazieren. Wer missionarisch daherkommt verliert ebenso Fans wie der, der nur zu Marketingzwecken gutmenschelt, sowas fliegt auf, sagt Flavian Graber von We Invented Paris dem Goethe Institut. Mit seiner Indie-Pop-Band tourt auch er so grün wie möglich. „Man muss das auch im Alltag leben, wenn niemand zuschaut, sonst macht das keinen Sinn.“ 

Erschienen in The Outdoors