„Es geht nicht um die Klamotte. Ich will ein Gefühl transportieren!“

Mit ihrem Label Lala Berlin ist sie das Aushängeschild, nicht nur für Mode aus Berlin, sondern der gesamten deutschen Fashion Szene. Nun entschied sich die Designerin Leyla Piedayesh zum zweiten Mal für eine Modenschau in Kopenhagen – warum?

„Das Mädchen mit den Pulswärmern“, so könnte das Märchen von Leyla Piedayesh, 45, heißen. Die gebürtige Iranerin fing nämlich mit selbstgestrickten Handschuhen an. Inzwischen ist viel Zeit vergangen, noch immer steht Lala Berlin für hochwertige Strickwaren aber eben auch so viel mehr. Seit der Gründung ihres Labels 2004 erfindet sich Leyla Piedayesh zu jeder Saison neu, entwirft komplette Kollektionen, und bleibt sich und ihren Ursprüngen doch stets treu: Unverkennbares Markenzeichen ist das arabische Würfelmuster, das schon lange nicht mehr nur ihre Kaschmirtücher ziert. Inzwischen hat die Designerin ein ganzes Lala Land erschaffen, kreiert Mode und Wohnaccessoires. Seit 2007 ist Lala Berlin fester Bestandteil der Berliner Modewoche. In dieser Saison entschied sich Piedayesh jedoch zum zweiten Mal für eine Modenschau in Kopenhagen – und gegen eine in Berlin. Stattdessen gab es zur Fashion Week in der deutschen Hauptstadt eine Art Installation in Form eines Kurzfilms mit Live-Musik. Warum die Mode bei einer Präsentation überhaupt nicht im Vordergrund stehen muss, erklärte die Designerin kurz vor ihrer Show im Backstage-Bereich des Radhuset in Kopenhagen, dem Zentrum der dänischen Modewoche. 

Foto: Victor Jones

Spiegel Online: Sie veranstalten seit knapp neun Jahren Modenschauen. Sind Sie noch nervös? 
Leyla Piedayesh: Nein. An den Tagen vor einer Show schon, die sind schlimm. Jetzt, eine Stunde vorher aber kann ich sowieso nicht mehr viel ändern, gleich findet die Probe statt und dann geht’s los.

Warum gab es zur Fashion Week in Berlin Mitte Januar „nur“ eine Präsentation mit Kurzfilm – die richtige Show dagegen findet nun hier in Kopenhagen statt?
Erst einmal wollte ich nicht zwei mal das gleiche machen. Im vergangenen Sommer haben wir Shows in beiden Metropolen gezeigt, die für Kopenhagen mussten wir deshalb komplett abwandeln. In dieser Saison wollte ich eine Show in Kopenhagen zeigen aber Berlin auch nicht einfach so stehenlassen. Mein Team und ich überlegen uns gerne immer etwas Neues. Im vergangenen Winter gab es ein Abendessen mit Präsentation, nun einen Fashion Film. Ich habe ja selbst beim Fernsehen gearbeitet und bin grundsätzlich ein sehr visueller Typ. Deshalb war es nur konsequent auch mal einen Film zu zeigen. Es gibt natürlich auch einen kapazitären Grund, eine ganze Show auf die Beine zu stellen ist sehr anstrengend. Wobei der Film und die Präsentation in Berlin am Ende auch viel Arbeit waren, aber auf einer anderen Ebene. 

Der Modefilm unter der Regie von Jonas Lindström wurde auf drei Großleinwänden im Berliner Ausstellungshaus meCollectors Room gezeigt. Drei Protagonistinnen werden aus intimer Perspektive in Lala-Berlin-Outfits portraitiert: Topmodel Lina Berg, die 12-jährige Jungschauspielering Louise Constein und das Model Anna von Rueden, 64. Der Musiker Jesper Munk begleitete den Film live mit Stimme und Gitarre. Wie hat Berlin diese Art der Präsentation aufgenommen?
Erstaunlich gut. Die Leute haben das verstanden und wertgeschätzt – nach allem was ich gehört habe. Wir sind auch alle sehr happy mit dem Ergebnis gewesen, es steckt im Prinzip auch mehr Kreativität und Kunst drin als in einer Show.

Foto: Victor Jones

Wie gehen Sie mit dem Einwand um, dass nicht genug von der Mode zu sehen war?
Es war überhaupt nicht Teil der Aufgabe, die Klamotte in den Vordergrund zu stellen. Sonst hätte ich die auch einfach zeigen können. Es ging mir um das Gefühl in meiner Kollektion. Ich wollte eine Installation schaffen, ein Gesamtkunstwerk. Und außerdem drei Generationen präsentieren und zeigen, dass es kein Alter für meine Mode gibt. 

Ist Alterslosigkeit wichtig für Sie und Ihre Mode?
Ja. Wir leben in einer alterslosen Zeit. Einige 18-Jährige sind heute geistig sehr weit, viele 50-Jährige so frisch wie früher. Die Zielgruppe für meine Mode definiert sich nicht über das Alter – das ist generell ein überholtes Modell aus den 1980ern – sie ist davon völlig unabhängig.

Ein Teil Ihrer Zielgruppe dagegen lässt sich eindeutig definieren, und zwar als skandinavisch. Ist Deutschland denn immer noch der wichtigste Markt für Lala Berlin?
Definitiv, Deutschland ist der wichtigste Markt für uns, den kann Dänemark auch nicht überholen. Aber auch hier haben wir eine starke Position aufgebaut. Seit viereinhalb Jahren gibt es eine Lala Berlin Boutique in Kopenhagen und ich fühle mich sehr wohl hier. Wir sind auf dem Weg zur Internationalisierung, es war eine natürliche Entwicklung nun auch mal Shows in Kopenhagen zu zeigen, um sukzessive einen Schritt weiter zu gehen. 

Sehen Sie sich denn persönlich in der Zukunft eher in Dänemark?
Nein, wir gehen einfach weiter. Ich rede ungern über die Zukunft. Ziele die ich heute habe könne morgen schon andere sein. Das heißt nicht, dass ich nicht weiß, was ich tue. Aber man muss spontan bleiben und flexibel auf den Markt reagieren. Man kann sich nicht auf einen Markt quetschen. Wenn es passt, gut. Und Kopenhagen hat gepasst. Ich denke im Moment bereits über einen Pop-up Shop in Los Angeles nach. 

Ist Skandinavien auch eine Inspirationsquelle?
Nein. Skandinavien empfinde ich als eher zurückhaltend. Ich war schon immer Fan skandinavischen Möbeldesigns, egal aus welchem Jahrzehnt. Aber Skandinavien ist kein Teil der „Lala Berlin DNA“ und das wird es jetzt auch nicht werden, nur weil wir hier erfolgreich sind.

Was war dann Ihre Inspiration für die kommende Herbst/Winter-Kollektion?
Nach 27 Jahren war ich 2015 wieder im Iran und habe zu meinen Wurzeln zurückgefunden. Ich hab auch festgestellt woher meine Liebe zu grafischen Mustern kommt. Dort ist alles Symmetrie: persische Teppichmuster, Mosaike, die Architektur von Moscheen. Eine wichtige Inspirationsquelle für die neuen Prints der Kollektion war die Kulturstätte Persepolis in Shiraz, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört und bei der ich schon als Kind war. Die figürlichen Statuen und Reliefe haben wir als Motiv genutzt und in ein Muster verwandelt. Ob es sich nun um einen menschlichen, einen Stier- oder Pferdekopf handelt ist ein bisschen Interpretationssache, wir haben das Motiv stark stilisiert. Ansonsten geht es um die Verschmelzung von Okzident und Orient: Wir kombinieren den urbanen Hauptstadt-Look, dazu zählen hauptsächlich 1990er-Jahre-Lagenlooks aus dem „Grunge“ sowie Symbole aus Rock und Punk, mit den orientalischen Prints und Farben meiner Herkunft.

Das klingt so spannend, dass man sich die Kollektion doch gerne live ansieht. Darf sich Berlin denn im Sommer wieder auf eine Lala Berlin Show freuen?
Es gibt ja viele Sterne am Himmel. Man weiß nur nie, welcher gelesen wird…

Zur Person: Leyla Piedayesh, 1970 in Teheran geboren, begann ihre Karriere als Designerin nach einem Betriebswirtschaftsstudium und Stationen beim Fernsehen mit selbstgestrickten Accessoires und Pulswärmern aus Kashmir. 2004 stellte sie ihre erste Kollektion auf der Modemesse Premium vor, spätestens aber seit ihrer ersten Show im Rahmen der Berliner Fashion Week 2007 gelang ihrem Label Lala Berlin der nationale und internationale Durchbruch. Ihr populärster Entwurf: Triangel-Tücher aus Kashmir mit ikonographischen Kufiya-Print (auch als Palästinensertuch bekannt) in immer neuen Variationen.

Erschienen in Der Spiegel