Der „Kuss eines Wolfes“ in einem amerikanischen Forschungsgehege machte Elli H. Radinger vor rund 30 Jahren endgültig „wolfsüchtig“, wie sie schreibt. Die Juristin hängte ihre Karriere als Rechtsanwältin an den Nagel und widmete ihr Leben der Wildnis und den Tieren. Ohne Biologiestudium aber mit Mut und Leidenschaft ging Radinger in die USA, absolvierte ein Praktikum in einem Wolfsforschungsgehege und begab sich schließlich in die Wildnis von Minnesota, um auch die freilebenden Exemplare zu ergründen. Sie konnte live beobachten, wie sich die Rückkehr der Wölfe im Yellowstone Nationalpark über die Jahre auf die Natur auswirkte. Inzwischen ist sie Bestsellerautorin und Deutschlands renommierteste Wolfsexpertin. Wir sprachen mit Elli H. Radinger über ihre Begegnungen mit den faszinierenden Geschöpfen, deren vorbildliches Sozialverhalten im Rudel, über Angst und Angstmacherei und die Rückkehr der Wölfe.
Wie sind Sie auf den Wolf gekommen und was hat Sie schließlich dazu bewegt, weiter zu gehen, als eine Leidenschaft aus der Ferne zu pflegen? Ich bin mit Hunden aufgewachsen und war schon immer fasziniert von deren wilden Verwandten. Auf meinen Reisen in die USA haben mich zuerst die Kojoten begeistert. Um mehr über sie und auch über Wölfe zu erfahren, habe ich mich um einen Praktikumsplatz in einem Wolfsforschungsgehege bemüht. Als mich dort der erste Wolf „geküsst“ hat, war ich hoffnungslos „wolfsüchtig“.
In Ihrem Buch „Die Weisheit der Wölfe“ beschreiben Sie den Praktikumseinstieg im Wolfsforschungsgehege Wolf Park im US-Bundesstaat Indiana etwa so: Um zu prüfen, ob der Leitwolf Sie als neue Praktikantin anerkennt, wurden Sie ins Wolfsgehege geführt und dem Leitwolf gegenüber gestellt. Vorher mussten Sie quasi unterschreiben, dass Sie sich freiwillig in Lebensgefahr begeben. Rückblickend eine ganz schön krasse Aktion oder nicht? Das klingt vielleicht so, aber Haftungsbefreiungen sind übliche Praxis in den USA bei allem, was zu späteren Klagen führen kann. Außerdem war die Aktion weniger dramatisch als sie damals für mich aussah. Die Wölfe von Wolf Park waren handaufgezogen und kannten Menschen. Sie mochten es, „Besuch“ zu bekommen, denn das bedeutete immer Streicheleinheiten für sie. Und selbstverständlich waren immer ihre vertrauten Pfleger mit im Gehege, wenn Fremde hinein durften. Ich habe in meiner Zeit in Wolf Park nur wenige Besucher erlebt, die die Wölfe nicht akzeptierten. Vorwiegend waren dies Männer, die eine sehr forsche oder dominante Körpersprache hatten. Wölfe mögen keine Machos. Vor diesen haben sich die Wölfe sofort zurückgezogen und sich nicht anfassen lassen.
Elli Radinger: Wölfe mögen keine Machos!
Wie haben Sie sich damals verhalten und wie hat der Leitwolf Imbo Ihnen schließlich gezeigt, dass Sie akzeptiert und ins Rudel aufgenommen sind? Ein Wolf ist kein Hund. In einem Wolfsgehege verhält man sich anders als Zuhause bei der Begrüßung von Bello. Du bewegst dich langsam, schaust dem Wolf nicht in die Augen, sprichst sanft mit ihm. Auf typisch „wölfische“ Art ist Imbo an mir hochgesprungen und hat mir das Gesicht geleckt – dieses Verhalten hingegen kennt man auch von Hunden. Das war mein berühmter „Wolfskuss“.
Über die Begegnung mit einem Wolf in der Wildnis von Minnesota schreiben Sie den tollen Satz: „Natürlich greifen wilde Wölfe keine Menschen an, doch wusste das auch dieser Wolf?“ Was ist dran, am vorherrschenden blutrünstigen Image vom Wolf? Der Wolf polarisiert. Wir sehen in ihm die blutrünstige Bestie, die vernichtet werden muss, oder den Heiligen, der nie etwas Böses tut und den wir auf ein Podest stellen. Die Wahrheit liegt wie immer dazwischen. Wölfe greifen keine Menschen an, aber sie fressen ungeschützte Nutztiere. Die Bilder von getöteten Schafen werden von den Medien gerne als Beweis für die Gefahr durch Wölfe ausgeschlachtet: „Schaut nur, so kann es auch euren Kindern gehen.“ Dabei sind oft wildernde Hunde für solche Taten verantwortlich.
Sie beschreiben das Verhalten wilder Wölfen sogar als sehr sozial: „Im Gegensatz zu den knurrenden, zähnefletschenden Kreaturen, die wir in Filmen gezeigt bekommen, ist das Leben wilder Wölfe von Harmonie sowie von einem spielerischen und liebevollen Umgang miteinander geprägt.“ Was haben Wölfe und Menschen gemeinsam und was können wir von Wölfen lernen? In den dreißig Jahren, die ich wild lebende Wölfe beobachtet habe, war ich immer wieder fasziniert von ihrem liebevollen Familienleben. Im Gegensatz zu uns Menschen gibt es bei Wölfen keine häusliche Gewalt oder wölfische „Altenheime“, niemand wird allein gelassen. Ich habe bei meinen Beobachtungen vier „Grundregeln“ des Wolfsverhaltens herausgearbeitet, die ich auch für mein eigenes Leben anwende: 1. Liebe deine Familie, 2. Kümmere dich um die, die dir anvertraut sind, 3. Gib niemals auf, 4. Hör nie auf, zu spielen.
Der Yellowstone National Park hat von der Wiedereinführung der Wölfe profitiert, die Landschaft inklusive Flusslauf hat sich über die Jahre verändert, wie Luftaufnahmen zeigen, und der Artenreichtum ist zurückgekehrt. Sie waren quasi live dabei. Der Besitzer eines großen Wildreservats in Schottland würde den Wolf auch gerne zurück auf die Insel holen. Die Highlands waren einmal von Urwald bedeckt, ehe er u.a. dem Wild zum Opfer fiel. Aber die Bauern haben Angst um ihre Herden und schauen besorgt nach Norwegen, wo der Wolf irgendwann aus Finnland übers Eis zurückkehrte. Yellowstone ist ein Nationalpark, das ist vielleicht etwas anderes. Was halten Sie grundsätzlich von der Idee, den Wolf wieder in Gegenden anzusiedeln, in denen er einmal heimisch war? Obwohl ich selbst bei der Yellowstone-Studie mitgearbeitet habe, halte ich wenig von einer (künstlichen) Wiederansiedlung. Yellowstone (und die gleichzeitige Ansiedlung von Wölfen in Idaho) war der erste Versuch und eine große Ausnahme, weil die Wölfe hier unglaublich viel Platz und Nahrung vorfanden und alle Umstände passten. Eine Wiederansiedlung führt zu großen Veränderungen im Ökosystem, sämtliche Umstände müssen berücksichtigt werden. Ich verstehe, dass sich viele Menschen in Schottland nach unberührter Natur mit den großen Beutegreifern zurücksehnen. Das Beispiel Yellowstone lässt sich jedoch nicht einfach so auf andere Länder übertragen und schon gar nicht auf eine Insel wie Großbritannien. Wie soll es praktisch funktionieren? Irgendwelche Wölfe einfliegen und aussetzen? Um die genetische Vielfalt sicherzustellen und Inzucht zu vermeiden, müssten unterschiedliche Wolfsrudel angesiedelt werden. Solange genügend natürliche Nahrung vorhanden ist, werden sich die Tiere vermehren und ausbreiten. Wo sollen sie auf einer Insel hin? Baut man für sie ein großzügig eingezäuntes Wildreservat, gibt es keine natürliche Ab- und Zuwanderung (Problem: Inzucht). Der Mensch muss eingreifen, um beispielsweise die Population zu begrenzen. Die Wildnis wird manipuliert und am Ende hat man schlicht und einfach einen Zoo. Ist es das, was man will? Wölfe für Schottland ist für mich „wishful thinking“ und nicht zu Ende gedacht. Wir haben übrigens nirgendwo in Europa eine Wiederansiedlung von Wölfen, sondern vielmehr eine natürliche Rekolonisierung. Das heißt, alle unsere Wölfe – auch die deutschen – sind auf eigenen Pfoten und ohne menschliche Hilfe in die alte Heimat zurückgekehrt. Das ist eine natürliche Rückkehr und so soll es sein. Dann haben alle (Wölfe, Bauern, Beutetiere) genug Zeit, sich auf die geänderte Situation einzustellen. In Yellowstone habe ich gelernt, dass man bei einem Eingriff in ein Ökosystem in ökologischen Zeiträumen denken muss, also in 20, 50 oder 100 Jahren. Die Idee, mal eben ein Wolfsrudel irgendwo anzusiedeln, und so die Natur wieder „heil“ zu machen, funktioniert nicht.
Wieviele Wölfe gibt es denn derzeit schätzungsweise in Deutschland und wie sehen Sie ihrer künftigen Entwicklung entgegen? In Deutschland gibt es offiziell (Stand April 2022) 157 Wolfsrudel (ca. 7-8 Tiere je Rudel), 27 Paare und 19 Einzelwölfe. Das macht eine Gesamtzahl von etwa 1.300 Wölfen. Laut einer Studie vom Bundesamt für Naturschutz haben wir Platz für 400 Rudel. Es ist also noch Luft nach oben. Der Wolf steht unter strengem Artenschutz. Außerdem werden Herdenschutzmaßnahmen vom Staat finanziert. Allerdings breiten sich in der Natur Tiere niemals ungebremst aus. Wird der Platz eng und geht die Nahrung zurück, reduziert sich auch automatisch die Anzahl der Wölfe.
Was können wir im Umgang mit Wölfen tun und wie außerdem zu ihrem Schutz beitragen? Wölfe brauchen keine Wildnis, sie können sehr gut in unserer Nähe leben. In Deutschland leben 80 Prozent der Wolfsrudel auf Truppenübungsplätzen und nicht wie vermutet in Naturschutzgebieten. Lassen wir ihnen ihre natürliche Nahrungsgrundlage (Schalenwild) und schützen wir unsere Nutztiere. Das Beste, was wir für Wölfe tun können ist, sie in Ruhe zu lassen. Wölfe wollen das, was wir auch wollen: Sie wollen ungestört irgendwo leben und ihre Familie großziehen.
Der britische Reporter und Abenteurer Ben Fogle sagte mal, man könne leicht in einem Wald unter Wölfen leben, ohne Sie jemals zu Gesicht zu bekommen, so geschickt aber vor allem scheu seien sie. (Wie) kann man überhaupt erkennen, ob man sich in einem Wolfsgebiet aufhält? Gibt es sichere Anzeichen, die man auch als Laie lesen kann? Nein. Ein Laie kann Spuren oder Kot von einem Wolf nicht von dem eines Hundes unterscheiden. Das sicherste Zeichen für die Anwesenheit von Wölfen sind leider getötete Schafe oder Ziegen, die nicht ordnungsgemäß geschützt worden sind (z.B. durch Elektrozaun). Sie könnten sich also tatsächlich inmitten eines Wolfsterritoriums aufhalten und nicht bemerken, dass Sie die ganze Zeit beobachtet werden.
Und wie verhält man sich, sollte man tatsächlich doch mal einem Wolf begegnen? Wenn man das Glück hat, einem Wolf zu begegnen, handelt es sich meist um einen Jungwolf, der allein unterwegs ist, auf der Suche nach einem eigenen Revier. Diese Tiere sind unsicher und neugierig. Sie wissen nicht, wer oder was Sie sind. Bleiben Sie ruhig stehen, sprechen Sie den Wolf mit fester Stimme laut an: „Hey Wolf, hau ab!“ Wenn Sie einen Hund dabei haben, nehmen Sie ihn hinter sich und geben Sie dem Wolf Raum, sich zu entfernen. Laufen Sie nicht weg und füttern Sie NIE einen wilden Wolf.
Vielen Dank, liebe Elli Radinger, für das nette und aufschlussreiche Interview!
Von Elli H. Radinger sind unter anderem folgende Spiegel-Bestseller erschienen: „Das Geschenk der Wildnis“, „Die Weisheit der Wölfe“, „Die Weisheit alter Hunde“. Alle Sachbücher und Romane hier: https://www.elli-radinger.de/
Der „Kuss eines Wolfes“ in einem amerikanischen Forschungsgehege machte Elli H. Radinger vor rund 30 Jahren endgültig „wolfsüchtig“, wie sie schreibt. Die Juristin hängte ihre Karriere als Rechtsanwältin an den Nagel und widmete ihr Leben der Wildnis und den Tieren. Ohne Biologiestudium aber mit Mut und Leidenschaft ging Radinger in die USA, absolvierte ein Praktikum in einem Wolfsforschungsgehege und begab sich schließlich in die Wildnis von Minnesota, um auch die freilebenden Exemplare zu ergründen. Sie konnte live beobachten, wie sich die Rückkehr der Wölfe im Yellowstone Nationalpark über die Jahre auf die Natur auswirkte. Inzwischen ist sie Bestsellerautorin und Deutschlands renommierteste Wolfsexpertin. Wir sprachen mit Elli H. Radinger über ihre Begegnungen mit den faszinierenden Geschöpfen, deren vorbildliches Sozialverhalten im Rudel, über Angst und Angstmacherei und die Rückkehr der Wölfe.
Wie sind Sie auf den Wolf gekommen und was hat Sie schließlich dazu bewegt, weiter zu gehen, als eine Leidenschaft aus der Ferne zu pflegen?
Ich bin mit Hunden aufgewachsen und war schon immer fasziniert von deren wilden Verwandten. Auf meinen Reisen in die USA haben mich zuerst die Kojoten begeistert. Um mehr über sie und auch über Wölfe zu erfahren, habe ich mich um einen Praktikumsplatz in einem Wolfsforschungsgehege bemüht. Als mich dort der erste Wolf „geküsst“ hat, war ich hoffnungslos „wolfsüchtig“.
In Ihrem Buch „Die Weisheit der Wölfe“ beschreiben Sie den Praktikumseinstieg im Wolfsforschungsgehege Wolf Park im US-Bundesstaat Indiana etwa so: Um zu prüfen, ob der Leitwolf Sie als neue Praktikantin anerkennt, wurden Sie ins Wolfsgehege geführt und dem Leitwolf gegenüber gestellt. Vorher mussten Sie quasi unterschreiben, dass Sie sich freiwillig in Lebensgefahr begeben. Rückblickend eine ganz schön krasse Aktion oder nicht?
Das klingt vielleicht so, aber Haftungsbefreiungen sind übliche Praxis in den USA bei allem, was zu späteren Klagen führen kann. Außerdem war die Aktion weniger dramatisch als sie damals für mich aussah. Die Wölfe von Wolf Park waren handaufgezogen und kannten Menschen. Sie mochten es, „Besuch“ zu bekommen, denn das bedeutete immer Streicheleinheiten für sie. Und selbstverständlich waren immer ihre vertrauten Pfleger mit im Gehege, wenn Fremde hinein durften. Ich habe in meiner Zeit in Wolf Park nur wenige Besucher erlebt, die die Wölfe nicht akzeptierten. Vorwiegend waren dies Männer, die eine sehr forsche oder dominante Körpersprache hatten. Wölfe mögen keine Machos. Vor diesen haben sich die Wölfe sofort zurückgezogen und sich nicht anfassen lassen.
Wie haben Sie sich damals verhalten und wie hat der Leitwolf Imbo Ihnen schließlich gezeigt, dass Sie akzeptiert und ins Rudel aufgenommen sind?
Ein Wolf ist kein Hund. In einem Wolfsgehege verhält man sich anders als Zuhause bei der Begrüßung von Bello. Du bewegst dich langsam, schaust dem Wolf nicht in die Augen, sprichst sanft mit ihm. Auf typisch „wölfische“ Art ist Imbo an mir hochgesprungen und hat mir das Gesicht geleckt – dieses Verhalten hingegen kennt man auch von Hunden. Das war mein berühmter „Wolfskuss“.
Über die Begegnung mit einem Wolf in der Wildnis von Minnesota schreiben Sie den tollen Satz: „Natürlich greifen wilde Wölfe keine Menschen an, doch wusste das auch dieser Wolf?“ Was ist dran, am vorherrschenden blutrünstigen Image vom Wolf?
Der Wolf polarisiert. Wir sehen in ihm die blutrünstige Bestie, die vernichtet werden muss, oder den Heiligen, der nie etwas Böses tut und den wir auf ein Podest stellen. Die Wahrheit liegt wie immer dazwischen. Wölfe greifen keine Menschen an, aber sie fressen ungeschützte Nutztiere. Die Bilder von getöteten Schafen werden von den Medien gerne als Beweis für die Gefahr durch Wölfe ausgeschlachtet: „Schaut nur, so kann es auch euren Kindern gehen.“ Dabei sind oft wildernde Hunde für solche Taten verantwortlich.
Sie beschreiben das Verhalten wilder Wölfen sogar als sehr sozial: „Im Gegensatz zu den knurrenden, zähnefletschenden Kreaturen, die wir in Filmen gezeigt bekommen, ist das Leben wilder Wölfe von Harmonie sowie von einem spielerischen und liebevollen Umgang miteinander geprägt.“ Was haben Wölfe und Menschen gemeinsam und was können wir von Wölfen lernen? In den dreißig Jahren, die ich wild lebende Wölfe beobachtet habe, war ich immer wieder fasziniert von ihrem liebevollen Familienleben. Im Gegensatz zu uns Menschen gibt es bei Wölfen keine häusliche Gewalt oder wölfische „Altenheime“, niemand wird allein gelassen. Ich habe bei meinen Beobachtungen vier „Grundregeln“ des Wolfsverhaltens herausgearbeitet, die ich auch für mein eigenes Leben anwende: 1. Liebe deine Familie, 2. Kümmere dich um die, die dir anvertraut sind, 3. Gib niemals auf, 4. Hör nie auf, zu spielen.
Der Yellowstone National Park hat von der Wiedereinführung der Wölfe profitiert, die Landschaft inklusive Flusslauf hat sich über die Jahre verändert, wie Luftaufnahmen zeigen, und der Artenreichtum ist zurückgekehrt. Sie waren quasi live dabei. Der Besitzer eines großen Wildreservats in Schottland würde den Wolf auch gerne zurück auf die Insel holen. Die Highlands waren einmal von Urwald bedeckt, ehe er u.a. dem Wild zum Opfer fiel. Aber die Bauern haben Angst um ihre Herden und schauen besorgt nach Norwegen, wo der Wolf irgendwann aus Finnland übers Eis zurückkehrte. Yellowstone ist ein Nationalpark, das ist vielleicht etwas anderes. Was halten Sie grundsätzlich von der Idee, den Wolf wieder in Gegenden anzusiedeln, in denen er einmal heimisch war? Obwohl ich selbst bei der Yellowstone-Studie mitgearbeitet habe, halte ich wenig von einer (künstlichen) Wiederansiedlung. Yellowstone (und die gleichzeitige Ansiedlung von Wölfen in Idaho) war der erste Versuch und eine große Ausnahme, weil die Wölfe hier unglaublich viel Platz und Nahrung vorfanden und alle Umstände passten. Eine Wiederansiedlung führt zu großen Veränderungen im Ökosystem, sämtliche Umstände müssen berücksichtigt werden. Ich verstehe, dass sich viele Menschen in Schottland nach unberührter Natur mit den großen Beutegreifern zurücksehnen. Das Beispiel Yellowstone lässt sich jedoch nicht einfach so auf andere Länder übertragen und schon gar nicht auf eine Insel wie Großbritannien. Wie soll es praktisch funktionieren? Irgendwelche Wölfe einfliegen und aussetzen? Um die genetische Vielfalt sicherzustellen und Inzucht zu vermeiden, müssten unterschiedliche Wolfsrudel angesiedelt werden. Solange genügend natürliche Nahrung vorhanden ist, werden sich die Tiere vermehren und ausbreiten. Wo sollen sie auf einer Insel hin? Baut man für sie ein großzügig eingezäuntes Wildreservat, gibt es keine natürliche Ab- und Zuwanderung (Problem: Inzucht). Der Mensch muss eingreifen, um beispielsweise die Population zu begrenzen. Die Wildnis wird manipuliert und am Ende hat man schlicht und einfach einen Zoo. Ist es das, was man will? Wölfe für Schottland ist für mich „wishful thinking“ und nicht zu Ende gedacht. Wir haben übrigens nirgendwo in Europa eine Wiederansiedlung von Wölfen, sondern vielmehr eine natürliche Rekolonisierung. Das heißt, alle unsere Wölfe – auch die deutschen – sind auf eigenen Pfoten und ohne menschliche Hilfe in die alte Heimat zurückgekehrt. Das ist eine natürliche Rückkehr und so soll es sein. Dann haben alle (Wölfe, Bauern, Beutetiere) genug Zeit, sich auf die geänderte Situation einzustellen.
In Yellowstone habe ich gelernt, dass man bei einem Eingriff in ein Ökosystem in ökologischen Zeiträumen denken muss, also in 20, 50 oder 100 Jahren. Die Idee, mal eben ein Wolfsrudel irgendwo anzusiedeln, und so die Natur wieder „heil“ zu machen, funktioniert nicht.
Wieviele Wölfe gibt es denn derzeit schätzungsweise in Deutschland und wie sehen Sie ihrer künftigen Entwicklung entgegen?
In Deutschland gibt es offiziell (Stand April 2022) 157 Wolfsrudel (ca. 7-8 Tiere je Rudel), 27 Paare und 19 Einzelwölfe. Das macht eine Gesamtzahl von etwa 1.300 Wölfen. Laut einer Studie vom Bundesamt für Naturschutz haben wir Platz für 400 Rudel. Es ist also noch Luft nach oben. Der Wolf steht unter strengem Artenschutz. Außerdem werden Herdenschutzmaßnahmen vom Staat finanziert. Allerdings breiten sich in der Natur Tiere niemals ungebremst aus. Wird der Platz eng und geht die Nahrung zurück, reduziert sich auch automatisch die Anzahl der Wölfe.
Was können wir im Umgang mit Wölfen tun und wie außerdem zu ihrem Schutz beitragen?
Wölfe brauchen keine Wildnis, sie können sehr gut in unserer Nähe leben. In Deutschland leben 80 Prozent der Wolfsrudel auf Truppenübungsplätzen und nicht wie vermutet in Naturschutzgebieten. Lassen wir ihnen ihre natürliche Nahrungsgrundlage (Schalenwild) und schützen wir unsere Nutztiere. Das Beste, was wir für Wölfe tun können ist, sie in Ruhe zu lassen. Wölfe wollen das, was wir auch wollen: Sie wollen ungestört irgendwo leben und ihre Familie großziehen.
Der britische Reporter und Abenteurer Ben Fogle sagte mal, man könne leicht in einem Wald unter Wölfen leben, ohne Sie jemals zu Gesicht zu bekommen, so geschickt aber vor allem scheu seien sie. (Wie) kann man überhaupt erkennen, ob man sich in einem Wolfsgebiet aufhält? Gibt es sichere Anzeichen, die man auch als Laie lesen kann?
Nein. Ein Laie kann Spuren oder Kot von einem Wolf nicht von dem eines Hundes unterscheiden. Das sicherste Zeichen für die Anwesenheit von Wölfen sind leider getötete Schafe oder Ziegen, die nicht ordnungsgemäß geschützt worden sind (z.B. durch Elektrozaun). Sie könnten sich also tatsächlich inmitten eines Wolfsterritoriums aufhalten und nicht bemerken, dass Sie die ganze Zeit beobachtet werden.
Und wie verhält man sich, sollte man tatsächlich doch mal einem Wolf begegnen?
Wenn man das Glück hat, einem Wolf zu begegnen, handelt es sich meist um einen Jungwolf, der allein unterwegs ist, auf der Suche nach einem eigenen Revier. Diese Tiere sind unsicher und neugierig. Sie wissen nicht, wer oder was Sie sind. Bleiben Sie ruhig stehen, sprechen Sie den Wolf mit fester Stimme laut an: „Hey Wolf, hau ab!“ Wenn Sie einen Hund dabei haben, nehmen Sie ihn hinter sich und geben Sie dem Wolf Raum, sich zu entfernen. Laufen Sie nicht weg und füttern Sie NIE einen wilden Wolf.
Vielen Dank, liebe Elli Radinger, für das nette und aufschlussreiche Interview!
Von Elli H. Radinger sind unter anderem folgende Spiegel-Bestseller erschienen: „Das Geschenk der Wildnis“, „Die Weisheit der Wölfe“, „Die Weisheit alter Hunde“. Alle Sachbücher und Romane hier: https://www.elli-radinger.de/
Veröffentlicht in The Outdoors