Nomads Land | Nobi Talai ist Berlins Modehoffnung

Berlin – Im einem Hinterhof in der Auguststraße herrscht Bienenstockatmosphäre. Das Fitting für die Show von Nobi Talai ist in vollem Gang. Models schreiten durch den Raum, kritische Blicke begleiten sie, letzte Handgriffe sorgen für den perfekten Sitz der Kleider am Körper. Die Running Order wird festgelegt: Wer läuft als erstes, wer schließt die Show? Am Dienstag muss alles perfekt sein. Dann wird die Designerin ihre Herbst/Winter-Kollektion 2016/17 dem Fachpublikum bei der Berliner Fashion Week präsentieren. Die Modewoche startet an diesem Montag, bis zum 22. Januar sind über 70 Modenschauen, Präsentationen und Defilees zu sehen, 200.000 Besucher werden in der Hauptstadt erwartet.

Und längst konzentriert sich nicht mehr alles im Fashion Zelt am Brandenburger Tor oder auf den Messegeländen der „Premium“ und Co. Ein weiterer Standort rückt ins Zentrum des Spektakels: Das Kronprinzenpalais Unter den Linden. Der spätklassizistische Bau beherbergt seit 2014 den Berliner Modesalon, eine kuratierte Plattform für herausragende junge als auch etablierte Designer.

Hier zeigt auch Nobieh Talaei (37), die ihren Namen für ihr eponymes Label Nobi Talai typografisch auf die Phonetik vereinfachte, zum zweiten Mal ihre Entwürfe. Ohnehin scheint sich das Prinzip der Simplifizierung wie ein roter Faden durch ihr Schaffen zu zieht. Talaei entwirft anpassungsfähige Mode für Großstadtfrauen, inspiriert von persischen Nomadenvölkern, reduziert auf den Pragmatismus in der Kleidung und gänzlich ohne Folklore. Doch im Vergleich zu ihrem Debüt vor einem halben Jahr ist nun alles anders: Nobieh Talaei wird als neues Design-Talent gefeiert und startet international durch.

Nobi Talai mixt persische Tradition mit Berliner Schlichtheit. Die Designerin wird auf der Berliner Fashion Week als neues Aushängeschild für Mode „made in Germany“ gefeiert.

Allein mit ihrem Web-Auftritt und ein paar Test-Looks machte sie „Vogue“-Chefin Christiane Arp im vergangenen Jahr auf sich aufmerksam. Die lud Talaei umgehend zur Präsentation in den Berliner Modesalon während der Fashion Week im Sommer ein. „Wir mussten die Frühjahr/Sommer-Kollektion quasi innerhalb von drei Wochen fertig stellen“, erinnert sich die Jungdesignerin. Der Stress sollte sich lohnen. Zusammen mit Designerin Marina Hoermanseder wurde Nobieh Talaei als erster Mentee in das 2015 lancierte Förderprogramm des Fashion Council Germany aufgenommen. Es folgte eine Präsentation zur Fashion Week in Paris, ein Treffen mit Karl Lagerfeld – jetzt ist die Aufmerksamkeit des gesamten deutschen Modepublikums auf sie gerichtet. 

Doch kein Grund zur Panik. Talaei wirkt bodenständig statt abgehoben, sie ist sich ihrer Sache sicher. In ihrem Refugium in der Auguststraße befinden sich Atelier, Werkstatt, Büro und Showroom auf zwei Etagen. Hier arbeitet Talaei in einem Team von mittlerweile sechs Mitarbeitern: Schneider, Näher, Pressearbeit, Assistenz. Unaufdringlich aber prägnant fügen sich antike Fundstücke wie eine Entarsien-verzierte Holzbank und ein textiles Wandgemälde in die puristische Atmosphäre der Räumlichkeiten. Persische Nomadengewänder aus einem Pariser Auktionshaus bilden die fortwährende Inspirationsquelle ihrer Arbeit. Doch statt folkloristischem Ethno-Chic strahlen ihre Entwürfe einen ultramodernen Minimalismus aus. Die Einfachheit ihrer Entwürfe besteht in der archetypischen Linienführung, den fließenden Stoffen und den für Nomaden typischen Wickeltechniken und Knotenbindungen, die sich der individuellen Körperform und den übereinander getragenen Lagen anpassen. Statt bunt gemustert sind die einzelnen Teile auf monochrome Erdfarben reduziert. Hochwertige Stoffe wie Veloursleder lassen Röcke und Jacken weich fallen; an anderer Stelle sorgt fester Leinen für den nötigen Stand und eine architektonische Silhouette. So entsteht ein völlig neuer Look – urban und immer noch dazu bereit, einer nicht unbedingt sesshaften Lebensweise zu folgen.

Talaei kam mit elf Jahren von Teheran nach Berlin. Das handwerkliche Geschick erbte sie von ihrer Großmutter, die früher die Hochzeitskleider für die gesamte Nachbarschaft schneiderte. Auch Nobieh – ihr Vorname bedeutet übrigens soviel wie „Neuheit“ – entschied sich für die Handwerkskunst, beließ es aber nicht beim Schneidern. Nach ihrem Abschluss an der Berliner Mode-Universität Esmod 2003 sammelte sie Erfahrungen bei diversen Luxusbrands und im Interieurbereich, wo sie sich von der Bauhaus-Ära, der Neuen Sachlichkeit und den skandinavischen Designs der 1950er-Jahre inspiriert sah. Ein paar Jahre tüftelte sie an der Verbindung all dieser Einflüsse, um mit ihren ersten Entwürfen gleich die deutsche Modepäpstin Christiane Arp vom Hocker zu hauen. Die Mitbegründerin des Berliner Modesalons rief gemeinsam mit Branchenexperten im vergangenen Jahr außerdem den Fashion Council Germany ins Leben. „Durch die Berufung in das Förderprogramm haben wir wertvolle Kontakte geknüpft“, resümiert Talaei. Im Mentorenkreis sitzen Experten aus Wirtschaft, Medien und Handel. „In Workshops können wir unter anderem unternehmerische Fragen und Strategien mit unseren Mentoren besprechen und erfahren direktes Feedback.“ So versteht sich Talaei nicht nur als Modedesignerin, sondern betont, auch Businessfrau zu sein. Das eine ohne das andere funktioniere heute nicht mehr. 

Nun gilt es, die Früchte des Protégées zu begutachten. Talaei wird am Dienstagvormittag ihre erste Runway Show präsentieren und, ein kleiner Spoiler sei hier erlaubt, Paris hat auch schon angerufen. 

von Stephanie Beckmann

In Der Spiegel

Fotos: Stefan Kraul