Menschen mit empfindsamem Geruchsorgan dürfte es nicht entgangen sein: Es liegt was in der Luft! Ein ganz besonderer Duft – aber leider kein guter. Zu Beginn kaum wahrnehmbar, erinnert er ganz allgemein an Körpergeruch, jedoch kommen noch eine süße und eine metallische Komponente hinzu. Eine fatale Kombination. Warum ist dieser Duft gerade so omnipräsent und so schwer erträglich? Das fragen sich bereits mehrere Menschen, darunter auch Schauspielerin Friederike Kempter und unsere Autorin, die dem Phänomen auf den Grund ging.
von Stephanie Beckmann
„Es gibt ein neues Parfum oder Rasierwasser, das oft von jungen Männern getragen wird (…). Es hat was Metallisches und dieser Geruch macht mich wahnsinnig, aggressiv, wütend, verzweifelt (…).“ So etwa beschreibt Schauspielerin Friederike Kempter in einem Podcast ihren aktuellen Aufreger, auf Englisch „Rant“ (wie der Podcast von Autorin Isabell Polak passenderweise auch heißt). Und endlich merke ich: Ich bin nicht allein! Und, eine halbe Stunde durch die Kommentare gescrollt wird klar, wir sind auch nicht zu zweit, Friederike und ich, sondern durchaus viele, die das gleiche leidige Schicksal teilen: Ein neuer, allgegenwärtiger Geruch, der so penetrant und unangenehm ist, wie schon lange keiner mehr, macht uns fertig. Ebenfalls in den Kommentaren ist auch schnell ein Schuldiger gefunden: Johnny Depp!
Was hat der Bad Boy aus vergangenen Zeiten mit der invasiven Geruchsbelästigung zu tun? Es ist ganz einfach aber gehen wir einen Schritt zurück. Glaubt man den Kommentaren auf Social Media entstammt der Duft, den offenbar viele Menschen derzeit wahrnehmen und als massiv unangenehm empfinden, einem Stoff namens Oud. Oud, auch Adlerholz genannt zum Beispiel, entstammt dem Harz des Aquilariabaums. Es riecht warm, holzig, erdig, ledrig, leicht medizinisch und insgesamt sehr facettenreich. Doch bringt der tropische Baum diesen Duftstoff nur hervor wenn er, von einem bestimmten Schimmelpilz befallen, Harz bildet, welches dann das Baumholz tränkt. Dieser Umstand macht den Rohstoff so selten und wertvoll, weshalb man das aufwändig gewonnene Duftöl auch flüssiges Gold nennt. Für hochwertiges Oud rangieren im Internet Preise von bis zu 250.000 Euro pro Kilo.
Original Duftstoffe sind häufig verrückt teuer. Insbesondere wenn sie seltenen Naturereignissen entstammen, wie zum Beispiel Ambra, das aus den verwitternden Ausscheidungen des Pottwals gewonnen wird. Aus ethischen oder Kostengründen folgt meist schnell ein synthetischer Ersatz: moralisch unbedenklich, billiger aber eben auch nicht so fein wie das Original sondern lauter und eindimensionaler. Häufig bleiben die Chemikalien hartnäckig in der Kleidung hängen und bilden, immer wieder nachgelegt, eine unangenehme Überdosis (die ja in der Regel nur fremden Nasen auffällt, man selbst wird schnell immun gegen den eigenen Körper-, Klamotten-, Wohnungs- und Parfumgeruch. Also wird sich weiter fröhlich eingedieselt – ein Teufelskreis). Hinzu kommt, dass Parfum zu den Statussymbolen zählt und darüber hinaus eine Zugehörigkeit symbolisiert, ein Mitwissertum, das man gerne öffentlich bekundet. Und es ist ja immer so, je inflationärer ein in Mode gekommener Trend auftritt, desto schneller hat man ihn über.
Als negativ empfundene Gerüche sind eine erwiesene Belastung fürs Nervensystem. Sie wirken direkt auf das limbische System unseres Gehirns und können sogar unterbewusst Emotionen und Reaktionen auslösen, das gilt als wissenschaftlich belegt. Deshalb können Gerüche auch lang verschüttet geglaubte Erinnerungen hervorbringen oder aber Übelkeit auslösen. Auch Friederike Kempter muss bei dem von ihr beschriebenen Geruch angeblich aus dem Taxi steigen, wenn er dort unerwartet auftritt. Manche Odeurs sind so unerträglich, dass sie Brechreiz verursachen. Eine zufällige Ähnlichkeit in der Kopfnote kann bereits diesen Effekt haben, obwohl der Auslöser vielleicht ein ganz anderer ist. Eine Freundin erzählte mal, passenderweise beim Italiener, dass sie seit ihrem Praktikum in der Pathologie keinen Gorgonzola mehr essen oder riechen könne. Beinahe hätte sich diese Phobie an Ort und Stelle auch auf mich übertragen, was mich wundern lässt: Sind solch individuelle Abneigungen, die häufig von persönlichen Erlebnissen herrühren, etwa ansteckend? Nur durch bloße, ja sogar fremde Assoziationsketten? Ein interessanter Gedanke.
Meine persönliche Hitliste von Düften, die Brechreiz erzeugen enthält natürlich auch solche, die ich mal mochte oder sogar selbst verwendet habe. Davidoffs „Cool Water“ zum Beispiel, mit dem meine olfaktorische Emanzipation begann. Gerade weil es ein expliziter Herrenduft und ich in den späten 1990er-Jahren ein rebellischer Teenager war, trug ich ihn, voll Stolz. Inzwischen finde ich alle aquatischen Noten unangenehm, spätestens seit es dank der Modekette Abercrombie & Fitch den Trend gibt, ganze Kaufhäuser durch Lüftungsanlagen mit solch potenziell frischen, maskulinen Noten zu vergiften. Und so sehr ich Ende der Nullerjahre Chloé by Chloé liebte, ein femininer Duft, der in diesem hübsch geriffelten Vintage-Flacon und mit rosafarbener Schleife um den Flaschenhals daherkam, umso schlimmer und erstickender empfinde ich die pudrig-süße Note heute und muss die Straßenseite wechseln, wenn ich ihren Hauch aus der Ferne wahrnehme.
Kempters erster Verdacht, es könnte sich bei dem von ihr verhassten Duft um einen aus der Reihe „Escentric Molecules“ handeln, ist nachvollziehbar. Bei Geza Schöns meisterlicher Erfindung verbinden sich die Düfte durch das teilweise pur vorhandene Molekül Iso E Super mit ihrem Träger. Es entsteht ein holzig-schillerndes Duftspiel, welches den Körper wie eine transparente Haut umhüllt, den jeweiligen Körpergeruch verstärkt und angeblich eine Wirkung gleich eines Pheromons, eines unterbewusst wahrnehmbaren Botenstoffs, verströmt. Dem inzwischen weltbekannten Berliner Parfumeur ist damit etwas sensationell Radikales, Minimalistisches gelungen: Ein Parfum aus nur einem Riechstoff, statt wie sonst üblich dutzenden. Das subjektive Empfinden dieses Duftes hängt allerdings stark vom Eigengeruch der jeweiligen Person ab, die den Duft trägt und kann so zwischen Abscheu und Verzückung rangieren.
Als ich den Duft ca. 2007 zum ersten mal wahrnahm, musste ich als Redakteurin bei einem Modemagazin meine Inhalte mit unserem neuen Art Director abstimmen und wurde jedes Mal beinahe ohnmächtig, wenn er sich neben mich setzte. Ich möchte ihm nicht unbedingt einen schlechten Eigengeruch unterstellen, der sich hier potenzierte und nach nassem Hund roch. Wohlmöglich lag es an verschwitzter oder nicht vollständig getrockneter Kleidung, über die sich das molekulare Parfum legte. Es waren wilde Zeiten damals und nahtlos gingen die Clubnächte manchmal über in den Fahrradweg zur Arbeit. Auch wusste ich, dass mein Kollege gerade eine Trennung auf den Sofas seiner Freunde überbrückte. Insgesamt keine gute Kombination. Was den Geruch feucht gewordener Kleidung angeht, bin ich ebenso sensibel wie Geza Schön, der das mal in einem Interview erwähnte, und achte peinlichst auf knochentrockene Anziehsachen.
Der künstliche Holz-Metall-Schock
Jedenfalls besitzen auch die „Molecule“-Parfums das Potenzial zu nerven, kommen sie doch aus der gleichen holzigen Ecke wie Oud und Co. Für die breite Masse allerdings sind solche Nischenparfums mit Preisen um die 150 Euro zu teuer. Steigt man tiefer in die Recherche und die Regale von Douglas und Co. wird schnell klar, dass es sich bei den günstigeren Produkten, die mit holzig-wamen Noten werben, selten um echtes, destilliertes Parfumöl handelt. Es sind stattdessen hochkonzentrierte, synthetische Duftstoffe, die weitaus günstiger in der Herstellung sind. Ein Duft, der zum Beispiel mit Oud-Akkorden und dem Molekül Iso Super E kokettiert, ist „Eau Sauvage“ von Dior. Und wer bewirbt diesen Duft so erfolgreich? Johnny Depp. Das Bild vermittelt also einen wind- und wettergegerbten Jack Sparrow auf hoher See bzw. wildem Wasser (so die Übersetzung von „Eau Sauvage“), im Werbeclip auch in der Wüste oder dem bei Parfumwerbung häufig strapazierten Großstadtdschungel. Und wer möchte nicht gerne dieser Abenteurer sein oder sich immerhin eine Scheibe von ihm abschneiden?
Der Amber-Moschus-Klassiker ist jedenfalls bereits allgegenwärtig und teilt sich die Spitzenposition der Duftranglisten mit Parfums aus der gleichen, super-maskulinen Ecke, wie Emporio Armanis „Stronger With You“, Louis Vuittons „Ombre Nomade“ und „Bleu“ von Chanel. Aber auch arabische Hype-Düfte wie „Lattafa“, günstige Kopien auf dem Schwarzmarkt und die sogenannten Duftzwillinge aus der Drogerie machen die Sache nicht besser. Sie alle nutzen dieselben dominanten Chemie-Bausteine, dieselbe toxische Kombination aus orientalischer Süße (z.B. aus Moschus), synthetischem Oud für die holzige Note und einem metallisch-stechenden Amber-Molekül wie Ambroxan oder Safran zum Beispiel. Zurück bleibt eine penetrant laute, hölzern-metallische Schwade, die die derzeitige Herren- und Unisex-Duftwelt dominiert und sich durch die Straßen, Clubs und Fitnessstudios zieht.
Ich selbst lief vor Jahren voller Überzeugung mit einem Duft durch Kreuzberg, der eine leicht metallische Oud-Ahnung zuließ. Eine Freundin kommentierte wohlwollend: „Interessant, ein bisschen wie eine Mischung aus Voltaren und Männerschweiß.“ – was es ziemlich gut trifft. Es war „Blamage“ von Nasomatto, ein heller Duft, balsamisch, holzig, etwas chemisch, an Aldehyd erinnernd. Einige rümpften die Nase, andere sogen den damals so ungewöhnlich eckigen Duft erregt ein. Der italienische Parfumeur hinter dem Projekt Nasomatto, Alessandro Gualtieri, auch „The Nose“ genannt, gilt in der Duftszene als Genie und beschreibt „Blamage“ selbst so: „Dieser Duft ist eine unkluge und wenig gelungene Kreation, die aus schlechtem Urteilsvermögen und mangelnder Sorgfalt hervorgeht.“ Koketterie? Die Anerkennung des Zufalls? Oder ein Geniestreich? So oder so, der vermeintlich missratene Duft wurde ein Erfolg, zumindest unter den Nischenparfums.
Jährlich kommen Tausende neue Düfte auf den Markt, nur die wenigsten überleben. Doch waren es in längst vergangenen Zeiten noch die großen Modehäuser, die mit ihren Signature Düften wie „Chanel No. 5“, „Shalimar“ von Guerlain, „CK one“ oder „4711“ die Trends setzten, sind es heute oft einzelne Parfumeure und unabhängige Manufakturen wie Le Labo, Ffern, Byredo, Frederic Malle, Zarko Ahlmann Pavlov (Zarkoperfume) oder eben Geza Schön oder Alessandro Gualtieri zum Beispiel, deren geniale Ideen schnell und billig kopiert werden. Es kristallisieren sich scheinbare Erfolgsformeln heraus und so kommt es, dass plötzlich alle gleich oder immerhin sehr ähnlich riechen und einzelne Basisnoten wie zur Zeit eben vor allem Ambroxan, Oud und Moschus regelrecht die Straßen verpesten.
Wurde Patrick Süskinds Protagonist Jean-Baptiste Grenouille in „Das Parfum“ einst auf der Suche nach dem ultimativen Parfum zum Serienmörder, könnte mir das gleiche auf der Flucht vor eben diesem passieren. (Auch Friederike Kempter möchte am liebsten eine Petition einreichen.) Ich plädiere daher für einen sorgsameren Umgang mit hochpotenten Duftstoffen auf Seiten der Parfumeure – oder besser noch, lasst euch doch mal wieder was neues einfallen – und der Verbraucher, vor allem der Dior-Deppen – reicht nicht vielleicht ein einzelner Sprühstoß? Und bitte kauft nicht auch noch das passende Duschgel! Vielleicht ist dein Lieblingsduft nicht automatisch mein Lieblingsduft? Vielleicht läuft ja niemand gerne durch fremde Duftwolken. Vielleicht ist weniger hier mehr.
Menschen mit empfindsamem Geruchsorgan dürfte es nicht entgangen sein: Es liegt was in der Luft! Ein ganz besonderer Duft – aber leider kein guter. Zu Beginn kaum wahrnehmbar, erinnert er ganz allgemein an Körpergeruch, jedoch kommen noch eine süße und eine metallische Komponente hinzu. Eine fatale Kombination. Warum ist dieser Duft gerade so omnipräsent und so schwer erträglich? Das fragen sich bereits mehrere Menschen, darunter auch Schauspielerin Friederike Kempter und unsere Autorin, die dem Phänomen auf den Grund ging.
von Stephanie Beckmann
„Es gibt ein neues Parfum oder Rasierwasser, das oft von jungen Männern getragen wird (…). Es hat was Metallisches und dieser Geruch macht mich wahnsinnig, aggressiv, wütend, verzweifelt (…).“ So etwa beschreibt Schauspielerin Friederike Kempter in einem Podcast ihren aktuellen Aufreger, auf Englisch „Rant“ (wie der Podcast von Autorin Isabell Polak passenderweise auch heißt). Und endlich merke ich: Ich bin nicht allein! Und, eine halbe Stunde durch die Kommentare gescrollt wird klar, wir sind auch nicht zu zweit, Friederike und ich, sondern durchaus viele, die das gleiche leidige Schicksal teilen: Ein neuer, allgegenwärtiger Geruch, der so penetrant und unangenehm ist, wie schon lange keiner mehr, macht uns fertig. Ebenfalls in den Kommentaren ist auch schnell ein Schuldiger gefunden: Johnny Depp!
Was hat der Bad Boy aus vergangenen Zeiten mit der invasiven Geruchsbelästigung zu tun? Es ist ganz einfach aber gehen wir einen Schritt zurück. Glaubt man den Kommentaren auf Social Media entstammt der Duft, den offenbar viele Menschen derzeit wahrnehmen und als massiv unangenehm empfinden, einem Stoff namens Oud. Oud, auch Adlerholz genannt zum Beispiel, entstammt dem Harz des Aquilariabaums. Es riecht warm, holzig, erdig, ledrig, leicht medizinisch und insgesamt sehr facettenreich. Doch bringt der tropische Baum diesen Duftstoff nur hervor wenn er, von einem bestimmten Schimmelpilz befallen, Harz bildet, welches dann das Baumholz tränkt. Dieser Umstand macht den Rohstoff so selten und wertvoll, weshalb man das aufwändig gewonnene Duftöl auch flüssiges Gold nennt. Für hochwertiges Oud rangieren im Internet Preise von bis zu 250.000 Euro pro Kilo.
Original Duftstoffe sind häufig verrückt teuer. Insbesondere wenn sie seltenen Naturereignissen entstammen, wie zum Beispiel Ambra, das aus den verwitternden Ausscheidungen des Pottwals gewonnen wird. Aus ethischen oder Kostengründen folgt meist schnell ein synthetischer Ersatz: moralisch unbedenklich, billiger aber eben auch nicht so fein wie das Original sondern lauter und eindimensionaler. Häufig bleiben die Chemikalien hartnäckig in der Kleidung hängen und bilden, immer wieder nachgelegt, eine unangenehme Überdosis (die ja in der Regel nur fremden Nasen auffällt, man selbst wird schnell immun gegen den eigenen Körper-, Klamotten-, Wohnungs- und Parfumgeruch. Also wird sich weiter fröhlich eingedieselt – ein Teufelskreis). Hinzu kommt, dass Parfum zu den Statussymbolen zählt und darüber hinaus eine Zugehörigkeit symbolisiert, ein Mitwissertum, das man gerne öffentlich bekundet. Und es ist ja immer so, je inflationärer ein in Mode gekommener Trend auftritt, desto schneller hat man ihn über.
Als negativ empfundene Gerüche sind eine erwiesene Belastung fürs Nervensystem. Sie wirken direkt auf das limbische System unseres Gehirns und können sogar unterbewusst Emotionen und Reaktionen auslösen, das gilt als wissenschaftlich belegt. Deshalb können Gerüche auch lang verschüttet geglaubte Erinnerungen hervorbringen oder aber Übelkeit auslösen. Auch Friederike Kempter muss bei dem von ihr beschriebenen Geruch angeblich aus dem Taxi steigen, wenn er dort unerwartet auftritt. Manche Odeurs sind so unerträglich, dass sie Brechreiz verursachen. Eine zufällige Ähnlichkeit in der Kopfnote kann bereits diesen Effekt haben, obwohl der Auslöser vielleicht ein ganz anderer ist. Eine Freundin erzählte mal, passenderweise beim Italiener, dass sie seit ihrem Praktikum in der Pathologie keinen Gorgonzola mehr essen oder riechen könne. Beinahe hätte sich diese Phobie an Ort und Stelle auch auf mich übertragen, was mich wundern lässt: Sind solch individuelle Abneigungen, die häufig von persönlichen Erlebnissen herrühren, etwa ansteckend? Nur durch bloße, ja sogar fremde Assoziationsketten? Ein interessanter Gedanke.
Meine persönliche Hitliste von Düften, die Brechreiz erzeugen enthält natürlich auch solche, die ich mal mochte oder sogar selbst verwendet habe. Davidoffs „Cool Water“ zum Beispiel, mit dem meine olfaktorische Emanzipation begann. Gerade weil es ein expliziter Herrenduft und ich in den späten 1990er-Jahren ein rebellischer Teenager war, trug ich ihn, voll Stolz. Inzwischen finde ich alle aquatischen Noten unangenehm, spätestens seit es dank der Modekette Abercrombie & Fitch den Trend gibt, ganze Kaufhäuser durch Lüftungsanlagen mit solch potenziell frischen, maskulinen Noten zu vergiften. Und so sehr ich Ende der Nullerjahre Chloé by Chloé liebte, ein femininer Duft, der in diesem hübsch geriffelten Vintage-Flacon und mit rosafarbener Schleife um den Flaschenhals daherkam, umso schlimmer und erstickender empfinde ich die pudrig-süße Note heute und muss die Straßenseite wechseln, wenn ich ihren Hauch aus der Ferne wahrnehme.
Kempters erster Verdacht, es könnte sich bei dem von ihr verhassten Duft um einen aus der Reihe „Escentric Molecules“ handeln, ist nachvollziehbar. Bei Geza Schöns meisterlicher Erfindung verbinden sich die Düfte durch das teilweise pur vorhandene Molekül Iso E Super mit ihrem Träger. Es entsteht ein holzig-schillerndes Duftspiel, welches den Körper wie eine transparente Haut umhüllt, den jeweiligen Körpergeruch verstärkt und angeblich eine Wirkung gleich eines Pheromons, eines unterbewusst wahrnehmbaren Botenstoffs, verströmt. Dem inzwischen weltbekannten Berliner Parfumeur ist damit etwas sensationell Radikales, Minimalistisches gelungen: Ein Parfum aus nur einem Riechstoff, statt wie sonst üblich dutzenden. Das subjektive Empfinden dieses Duftes hängt allerdings stark vom Eigengeruch der jeweiligen Person ab, die den Duft trägt und kann so zwischen Abscheu und Verzückung rangieren.
Als ich den Duft ca. 2007 zum ersten mal wahrnahm, musste ich als Redakteurin bei einem Modemagazin meine Inhalte mit unserem neuen Art Director abstimmen und wurde jedes Mal beinahe ohnmächtig, wenn er sich neben mich setzte. Ich möchte ihm nicht unbedingt einen schlechten Eigengeruch unterstellen, der sich hier potenzierte und nach nassem Hund roch. Wohlmöglich lag es an verschwitzter oder nicht vollständig getrockneter Kleidung, über die sich das molekulare Parfum legte. Es waren wilde Zeiten damals und nahtlos gingen die Clubnächte manchmal über in den Fahrradweg zur Arbeit. Auch wusste ich, dass mein Kollege gerade eine Trennung auf den Sofas seiner Freunde überbrückte. Insgesamt keine gute Kombination. Was den Geruch feucht gewordener Kleidung angeht, bin ich ebenso sensibel wie Geza Schön, der das mal in einem Interview erwähnte, und achte peinlichst auf knochentrockene Anziehsachen.
Der künstliche Holz-Metall-Schock
Jedenfalls besitzen auch die „Molecule“-Parfums das Potenzial zu nerven, kommen sie doch aus der gleichen holzigen Ecke wie Oud und Co. Für die breite Masse allerdings sind solche Nischenparfums mit Preisen um die 150 Euro zu teuer. Steigt man tiefer in die Recherche und die Regale von Douglas und Co. wird schnell klar, dass es sich bei den günstigeren Produkten, die mit holzig-wamen Noten werben, selten um echtes, destilliertes Parfumöl handelt. Es sind stattdessen hochkonzentrierte, synthetische Duftstoffe, die weitaus günstiger in der Herstellung sind. Ein Duft, der zum Beispiel mit Oud-Akkorden und dem Molekül Iso Super E kokettiert, ist „Eau Sauvage“ von Dior. Und wer bewirbt diesen Duft so erfolgreich? Johnny Depp. Das Bild vermittelt also einen wind- und wettergegerbten Jack Sparrow auf hoher See bzw. wildem Wasser (so die Übersetzung von „Eau Sauvage“), im Werbeclip auch in der Wüste oder dem bei Parfumwerbung häufig strapazierten Großstadtdschungel. Und wer möchte nicht gerne dieser Abenteurer sein oder sich immerhin eine Scheibe von ihm abschneiden?
Der Amber-Moschus-Klassiker ist jedenfalls bereits allgegenwärtig und teilt sich die Spitzenposition der Duftranglisten mit Parfums aus der gleichen, super-maskulinen Ecke, wie Emporio Armanis „Stronger With You“, Louis Vuittons „Ombre Nomade“ und „Bleu“ von Chanel. Aber auch arabische Hype-Düfte wie „Lattafa“, günstige Kopien auf dem Schwarzmarkt und die sogenannten Duftzwillinge aus der Drogerie machen die Sache nicht besser. Sie alle nutzen dieselben dominanten Chemie-Bausteine, dieselbe toxische Kombination aus orientalischer Süße (z.B. aus Moschus), synthetischem Oud für die holzige Note und einem metallisch-stechenden Amber-Molekül wie Ambroxan oder Safran zum Beispiel. Zurück bleibt eine penetrant laute, hölzern-metallische Schwade, die die derzeitige Herren- und Unisex-Duftwelt dominiert und sich durch die Straßen, Clubs und Fitnessstudios zieht.
Ich selbst lief vor Jahren voller Überzeugung mit einem Duft durch Kreuzberg, der eine leicht metallische Oud-Ahnung zuließ. Eine Freundin kommentierte wohlwollend: „Interessant, ein bisschen wie eine Mischung aus Voltaren und Männerschweiß.“ – was es ziemlich gut trifft. Es war „Blamage“ von Nasomatto, ein heller Duft, balsamisch, holzig, etwas chemisch, an Aldehyd erinnernd. Einige rümpften die Nase, andere sogen den damals so ungewöhnlich eckigen Duft erregt ein. Der italienische Parfumeur hinter dem Projekt Nasomatto, Alessandro Gualtieri, auch „The Nose“ genannt, gilt in der Duftszene als Genie und beschreibt „Blamage“ selbst so: „Dieser Duft ist eine unkluge und wenig gelungene Kreation, die aus schlechtem Urteilsvermögen und mangelnder Sorgfalt hervorgeht.“ Koketterie? Die Anerkennung des Zufalls? Oder ein Geniestreich? So oder so, der vermeintlich missratene Duft wurde ein Erfolg, zumindest unter den Nischenparfums.
Jährlich kommen Tausende neue Düfte auf den Markt, nur die wenigsten überleben. Doch waren es in längst vergangenen Zeiten noch die großen Modehäuser, die mit ihren Signature Düften wie „Chanel No. 5“, „Shalimar“ von Guerlain, „CK one“ oder „4711“ die Trends setzten, sind es heute oft einzelne Parfumeure und unabhängige Manufakturen wie Le Labo, Ffern, Byredo, Frederic Malle, Zarko Ahlmann Pavlov (Zarkoperfume) oder eben Geza Schön oder Alessandro Gualtieri zum Beispiel, deren geniale Ideen schnell und billig kopiert werden. Es kristallisieren sich scheinbare Erfolgsformeln heraus und so kommt es, dass plötzlich alle gleich oder immerhin sehr ähnlich riechen und einzelne Basisnoten wie zur Zeit eben vor allem Ambroxan, Oud und Moschus regelrecht die Straßen verpesten.
Wurde Patrick Süskinds Protagonist Jean-Baptiste Grenouille in „Das Parfum“ einst auf der Suche nach dem ultimativen Parfum zum Serienmörder, könnte mir das gleiche auf der Flucht vor eben diesem passieren. (Auch Friederike Kempter möchte am liebsten eine Petition einreichen.) Ich plädiere daher für einen sorgsameren Umgang mit hochpotenten Duftstoffen auf Seiten der Parfumeure – oder besser noch, lasst euch doch mal wieder was neues einfallen – und der Verbraucher, vor allem der Dior-Deppen – reicht nicht vielleicht ein einzelner Sprühstoß? Und bitte kauft nicht auch noch das passende Duschgel! Vielleicht ist dein Lieblingsduft nicht automatisch mein Lieblingsduft? Vielleicht läuft ja niemand gerne durch fremde Duftwolken. Vielleicht ist weniger hier mehr.